Nachrichten Oktober 2008



ERINNERUNG: „Krieg auf fünf Kontinenten“ – Ausländer in den Niederlanden und ihre Sicht auf den Zweiten Weltkrieg

Den Haag. CK/VK/NRC/Trouw. 8. Oktober 2008. 

Welche Erinnerungen haben Türken, Marokkaner und Chinesen an den Zweiten Weltkrieg? Und welche Rolle spielten sie bei der Befreiung der Niederlande? Staatssekretärin Jet Bussemaker sorgte Anfang des Jahres für einigen Wirbel, als sie eine nähere Untersuchung dieser Fragen forderte. Die Relevanz und Brisanz dieser Thematik hatte sich bereits 2003 gezeigt: Jugendliche marokkanischer Herkunft sorgen damals für Aufregung, als sie in Amsterdam mit Kränzen Fußball spielten, die anlässlich der Feierlichkeiten zum 4. und 5. Mai – dem Toten- und Befreiungsgedenktag – niedergelegt worden waren.

Gestern präsentierten Mitarbeiter des niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD) in Den Haag ihre Studie „Oorlog op vijf continenten“ (Krieg auf fünf Kontinenten), die sich mit oben genannten Fragen auseinandersetzt. Das Buch betrachtet die Kriegsgeschichte in acht verschiedenen Herkunftsländern der „neuen Niederländer“ – darunter Marokko, China, Indonesien und die Türkei – und beleuchtet zudem das Bild, das einheimische und zugezogene Niederländer seit 1945 vom Zweiten Weltkrieg haben.

Nicht-westliche Ausländer spielten laut Studie bei der Befreiung der Niederlande kaum eine Rolle; dabei darf man jedoch nicht vergessen, so Mitautor Kees Ribbens, dass „der Einsatz und die Opfer etwa von marokkanischen Militärs an anderen europäischen Fronten schließlich doch zum Untergang des Naziregimes beigetragen“ haben. Ribbens plädiert dafür, den Weltkrieg nicht länger „mit einem engen, nur auf die Niederlande gerichteten Blick zu betrachten. Es war schließlich ein Weltkrieg.“

Die Anwesenheit von Niederländern mit ausländischen Wurzeln bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das gesellschaftliche Bild über den Zweiten Weltkrieg. Die verschiedenen Gruppen bringen nicht nur neue Sichtweisen mit sich, sondern setzten sich in den vergangen Jahrzehnten auch immer wieder für ihren eigenen Platz in der Geschichte und in der Erinnerung an den Krieg ein. Ribbens deutet diese Suche nach einer „Anerkennung ihrer Anwesenheit in der Gesellschaft“ als ein Zeichen der Integration.

Die kollektive Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg spielt nach wie vor eine zentrale Rolle in den Niederlanden, was zu Konfrontationen mit den neuen Sichtweisen führen kann. Ribbens warnt jedoch davor, die Erinnerung „einzufrieren“. Dies würde nicht zu einem „besseren Verständnis der Welt um uns herum“ beitragen.