Nachrichten November 2008


VORTRAG: "Gibt es keine Helden mehr?"

Münster. FN. 13. November 2008.

„Die ‚Helden’ des Widerstandes gegen die deutsche Besatzung sollten einen angemessenen Platz in Geschichtsschreibung der Niederlande erhalten“, forderte die niederländische Historikerin Marjan Schwegman gestern bei ihrem Vortrag im Zentrum für Niederlande-Studien. Schwegman ist seit Frühjahr 2007 Direktorin des renommierten Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD). In der Vortragsreihe „Niederländische Forschungseinrichtungen stellen sich vor“ stieß Schwegman mit ihrer Frage direkt zum Kern der Materie vor. Denn anhand des wechselhaften Umgangs mit der Geschichte des Widerstandes lassen sich die wichtigen Perioden der niederländischen Erinnerungskultur nachzeichnen. Dies konnte Schwegman auch anhand ihrer eigenen Biografie erläutern. Die erste Nachkriegsgeneration wuchs mit den „Heldengeschichten aus dem Widerstand“ auf, erklärte sie. In zahlreichen Dokumentationen – beispielsweise in der Presse und im Fernsehen – wurde der Widerstand thematisiert. Zeitweilig war die Überzeugung weit verbreitet, dass sich fast jeder Niederländer gegen die deutsche Besatzungsmacht gewehrt habe. Nur zögerlich setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein simples schwarz-weiß Schema von Gut und Böse nicht ausreicht, um die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse während des Krieges zu beschreiben. Hans Blom, der in den Neunzigerjahren das NIOD leitete, prägte den Ausdruck, „grau“ sei hier die treffende Nuance.

Es folgte eine Phase der intensiven Beschäftigung mit der niederländischen Kollaboration mit der Nazi-Besatzung. Die Erkenntnis, dass sich auch Niederländer während der Unrechtsherrschaft der Nationalsozialisten schuldig gemacht haben, ist heutzutage ein fester Bestandteil der niederländischen Erinnerungskultur. Gerade deshalb sei es wieder möglich, die „Helden des Widerstandes“, wie es Marjan Schwegman mit einer klaren Distanzierung zu jeglichem überhöhten Personenkult formulierte, in den Fokus der Forschung zu rücken. Dabei interessiert die Historikerin, die sich während ihrer Zeit als Leiterin des niederländischen Instituts in Rom unter anderem mit der Rezeption des italienischen Unabhängigkeitskämpfers Giuseppe Garibaldi beschäftigte, die spezifische Persönlichkeit der Widerstandskämpfer. Ein – nachträglicher und von anderen etablierter – Heldenstatus sollte nicht den Blick auf die menschlichen Eigenschaften der Personen verdecken. Am Beispiel der bekannten Persönlichkeiten des niederländischen Widerstandes, Gerrit Jan van der Veen und Erik Hazelhoff Roelfzema, dem „Soldaten von Oranje“, erläuterte Schwegman ihren Ansatz. Beide Männer haben keine greifbare, bewusste, allein durch Idealismus motivierte Entscheidung für ihren lebensgefährlichen Einsatz gegen die Nazi-Herrschaft getroffen. Vielmehr müsse die ganze Spannbreite vom Abenteurer bis zum Idealisten beachtet werden, wobei vor allem die menschlichen Schwächen nicht übersehen werden dürfen. Erst die vielschichtige Kombination von bestimmten charakterlichen Eigenschaften und biografischen Gegebenheiten habe zu der Ausprägung der nicht-konformen Persönlichkeiten geführt.

Schwegman unterstrich darüber hinaus mit Nachdruck, dass nicht nur die berühmten „Helden des Widerstandes“ zu würdigen seien. In der Zivilbevölkerung gab es eine Vielzahl, vor allem von Frauen, die, ohne später viel Aufhebens darum gemacht zu haben, mit einer selbstverständlichen Menschlichkeit handelten. Sie widersetzten sich unter Einsatz des eigenen Lebens gewissermaßen „vor ihrer Haustür“ der nationalsozialistischen Willkür. Diese stillen „Helden des Widerstandes“ haben allerdings in den seltensten Fällen Quellen hinterlassen.

Das NIOD - breite gesellschaftspolitsche Aufgaben

Erst Ende der Neunzigerjahre wurde der Forschungszeitraum des NIOD auf die gesamte Zeitgeschichte, d.h. auf den Zeitraum von 1914 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ausgeweitet. Bis dahin stand über fünfzig Jahre lang die Erforschung des Zweiten Weltkrieges im Mittelpunkt der Forschungsarbeit des Instituts.
Noch während der Besatzungszeit liefen bereits die Planungen für ein historisches Dokumentationszentrum. Schon am 8. Mai 1945 konnte das „Reichsbüro für Kriegsdokumentation“ in Amsterdam eröffnet werden. Im gleichen Jahr wurde es in „Reichsinstitut für Kriegsdokumentation“ (RIOD) umbenannt. 1946 gelang es dem RIOD große Teile des Archivs des Reichskommissariats der Niederlande aus Münster zu erlangen. In den folgenden Jahren baute das Institut ein umfangreiches Archiv mit den Schwerpunkten Niederlande und Niederländisch-Ostindien auf. Neben offiziellen Verwaltungsakten wurden viele Dokumente des Kriegsalltags wie Fotos, Briefe, Plakate und illegalen Zeitungen archiviert. Die wohl weltweit berühmteste Quelle, die zu den Beständen des NIOD zählt, ist das Tagebuch der Anne Frank.

Der erste Direktor des Zentrums für Kriegsdokumentation, Loe de Jong, war selbst eine führende Persönlichkeit des Widerstandes gegen die Nazi-Herrschaft. Er leitete „Radio Oranje“, den Radiosender des niederländischen Widerstandes, der gemeinsam mit der BBC von London aus wichtige Informationen in die besetzten Niederlande sendete. De Jong veröffentlichte ein, mit 14 Bänden ausgesprochen umfangreiches, Standardwerk zu den Niederlanden während des Zweiten Weltkrieges.

Heute hat das Institut, das 1999 von RIOD in NIOD umbenannt wurde, rund 60 Mitarbeiter. Die Abspaltung des Instituts vom Ministerium für Kultur, Bildung und Wissenschaften garantiert, auch für die Zukunft, das hohe Maß an Unabhängigkeit einer der bedeutendsten niederländischen Forschungseinrichtungen. Mittlerweile spielt das NIOD in vielen gesellschaftspolitisch relevanten Fragen eine wichtige Rolle. Neben der Aufarbeitung des, für die Niederländer traumatischen, Militäreinsatzes während des Völkermordes in Srebrenica, beschäftigte sich das NIOD in den vergangenen Jahren mit der Frage, welche Bedeutung der Zweite Weltkrieg in der historischen Wahrnehmung der Migranten in den Niederlanden spielt.