Nachrichten März 2008



DISKUSSION: Wilders Islamkritik = Antisemitismus?

Amsterdam. JOK/VK, 18. März 2008.

Harry de Winter, niederländischer Filmproduzent und Programmgestalter mit jüdischen Wurzeln, einer der Gründer der Vereinigung Een Ander Joods Geluid, hat am vergangenen Montag auf der Leitseite der niederländischen Tageszeitung De Volkskrant eine kurze, auffällige Anzeige geschaltet: „Hätte Wilders dasselbe über Juden (und das Alte Testament) gesagt, was er über Muslime (und den Koran) von sich gegeben hat, dann wäre er schon längst wegen Antisemitismus abgestraft und verurteilt worden.“.

Eine Onlineabstimmung zu de Winters Aussage bezifferte die Volkskrant mit einer überwältigenden Reaktion von über 8.000 Votern noch am selben Abend, die zu Zweidrittel Pro de Winter stimmten. De Winter meinte im Volkskrant Interview, dass die Muslimgemeinschaft in den Niederlanden durch Wilders Äußerungen generalisiert und auf Fremd- und Feindbilder vereinfacht werde. Die Volkskrant schreibt am heutigen Dienstag, de Winter setze die Situation rund um die niederländische Muslimgemeinschaft gleich mit Nazideutschland in den 30iger Jahren. „So hat damals auch die Judenverfolgung begonnen; durch die Verallgemeinerung von Sachen“, sagte de Winter im Interview. Weiterhin äußerte er den Wunsch, dass es dringend an der Zeit sei, von jüdischer Seite her lauter zu protestieren: „Wilders ist der selbst ernannte Wortführer allen Ärgers. Er schockiert selektiv und heftig. Wenn du jetzt mit einem Kopftuch durch Deventer läufst, bekommst du dieselben Reaktionen wie ein Jude mit einem Käppchen der durch besetzte Gebiete spaziert. Wir Juden wissen wie es sich anfühlt angeprangert zu werden. Darum müssen wir uns bemerkbar machen. Ich hoffe, dass wir Beifall aus dem kompletten jüdischen Umfeld bekommen“. Die Reaktionen jüdischer Vereinigungen sind jedoch eher zurückhaltend bis abgeneigt: Zwar wird zugegeben, dass vergleichbare Äußerungen in Richtung jüdischer Bevölkerungsgruppen schon längst verurteilt worden wären, aber der Vergleich mit Nazideutschland sei weit hergeholt. Der marokkanisch-jüdische Professor David Pinto, Direktor des Interkulturellen Institut in Amsterdam dazu in der Volkskrant: „Wilders sagt höchstens, dass Koran und Islam absolut verächtlich sind, aber er plädiert nicht für die Vernichtung eines ganzen Volkes“. Der mit der niederländisch-israelischen Kirchengemeinschaft verbundene Rabbiner Raphael Evers: „De Winter hat sicher in einem Punkt Recht. Ich denke, dass wir die Diffamierungen Wilders nicht so einfach hätten durchgehen lassen sollen. Auf der anderen Seite ist Antisemitismus viel mehr als Kritik an einer Religion, es ist die Hetze gegen ein ganzes Volk.“

Der rechtspopulistische Parlamentsabgeordnete Geert Wilders von der Partei für die Freiheit (PVV), der mit seinem angekündigten islamkritischen Film die komplette innenpolitische Debatte in den Niederlanden derzeit auf Trab hält, äußerte sich bisher noch nicht auf die Anzeige.