Nachrichten Januar 2008


SICHERHEIT: Jugendkriminalität in den Niederlanden

Amsterdam/Rotterdam. CK/NRC/ANP/Het Parool/Rotterdams Dagblad/Spiegel. 23. Januar 2008.  

In Hessen ist die Kriminalität – insbesondere ausländischer – Jugendlicher inzwischen zum Wahlkampfthema Nr. 1 geworden, aber auch in den Niederlanden, wo die deutsche Diskussion mit Interesse verfolgt wird, steht dieses Thema immer wieder im Mittelpunkt des Interesses. Vandalismus, Diebstahl und Misshandlungen – oftmals unter Einfluss von Alkohol und Drogen – stehen an erster Stelle der jugendlichen Vergehen und insbesondere die Gewaltbereitschaft männlicher Jugendlicher steigt an.

Zuletzt sorgten Fälle von Vandalismus in der Sylvesternacht für Unmut in Politiker- und Bevölkerungskreisen, einige Politiker forderten gar das Verbot privater Feuerwerke. Allein in Rotterdam wurden 40 Personen wegen Sachbeschädigung und Brandstiftung vorübergehend festgenommen. Besondere Empörung löste die Behinderung und Bedrohung von Hilfs- und Rettungskräften aus, die, mitbedingt durch den dichten Nebel, zahlreiche Einsätze zu verzeichnen hatten. In Folge dessen wurden härtere und schnellere Konsequenzen für die Straftäter gefordert. Nur wenige Tage nach den Erfahrungen der Sylvesternacht kündigte Rotterdams Bürgermeister Ivo Opstelten die Einführung des so genannten „Snelrechts“ an. Verbale und physische Gewalttaten, die sich gegen Polizisten, Sanitäter oder Kontrolleure des öffentlichen Nahverkehrs richten, sollen in Rotterdam nun innerhalb weniger Tage bestraft werden. Mit Hilfe dieses Eilverfahrens sollen den Straftätern die Konsequenzen schneller aufgezeigt und eine größere Abschreckung vor weiteren Straftaten erreicht werden. Das Vorgehen Rotterdams stieß in Politikerkreisen auf breite Zustimmung und auch Ministerpräsident Balkenende begrüßte die Einführung des „Snelrechts“. Andere niederländische Städte wollen dem Beispiel Rotterdams folgen.

In den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geraten zudem immer wieder Stadtteile mit einer hohen Anzahl an Ausländern, wie zum Beispiel Amsterdam-Slotervaart. Im Herbst letzten Jahres sorgte das Viertel für Schlagzeilen, als es nach dem Tod eines Niederländers marokkanischer Herkunft zu mehrtägigen Ausschreitungen kam. Auch während der Sylvesternacht blieb es dort nicht ruhig: Jugendliche warfen die Fensterscheiben eben jener Polizeiwache ein, in der der 22jährige Bilal B. im Herbst von einem Polizisten erschossen worden war, nachdem er gewaltsam in die Polizeistation eingedrungen war. (NiederlandeNet berichtete) Dem entsprechend wurde diesem Stadtteil bereits zu Beginn des Jahres erneut viel mediale Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl Amsterdams Bürgermeister Job Cohen darauf hinwies, dass es in anderen Teilen des Landes in der Sylvesternacht heftiger zugegangen sei. Dabei kann Slotervaart – abgestempelt als „Problemviertel“ – inzwischen gar als Vorbild gelten, was die Unterstützungs- und Integrationsmaßnahmen insbesondere für Jugendliche mit Migrationshintergrund angeht. Zuzuschreiben ist dies in erster Linie dem ersten muslimischen Bürgermeister in den Niederlanden: Ahmed Marcouch. „Toleranz predigen und Ordnung schaffen“ (Der Spiegel) lautet seine Devise. Insbesondere die Eltern gewalttätiger Jugendlicher ruft er zu mehr Verantwortung auf und möchte diese – wenn nötig – auch mit finanziellen Forderungen treffen. Ende Januar läuft in Slotervaart ein neues Projekt an, mit dem über einen Zeitraum von einem Jahr insgesamt 150 strafrechtlich auffällige Jugendliche, zwölf Stunden täglich, von einem Coach überwacht werden sollen.

Neben der Strafprävention gibt es in einigen Städten inzwischen spezielle Hilfsprogramme zur Reintegration ausländischer Jugendstraftäter: In Helmond wird diese Zielgruppe beispielsweise von Haftbegleiter des Jugendwerks Experiment betreut. Die Zahlen sprechen für sich: Nur 10 Prozent dieser Jugendlichen wurden erneut straffällig; landesweit sind es 60 Prozent. Einen etwas anderen Weg der Gewaltprävention, aber auch der Straftatenaufklärung hat die Polizei „Hollands Midden“ eingeschlagen: Sie nutzen seit kurzem gezielt die Webseite YouTube, um Jugendliche zu erreichen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.