Nachrichten Februar 2008


SCHULREFORM: Unterrichtsziel verfehlt

Den Haag. FN/Elsevier/NRC/VK. 19. Februar 2008.

Vieles lief falsch bei den Bildungsreformen in den vergangenen Jahren, das ist das Ergebnis einer umfassenden Evaluierung des Schulunterrichts in den Niederlanden. Die Verantwortlichen legten offensichtlich mehr Wert auf die politische Tragfähigkeit und die Einhaltung der Parteiprogramme als auf das Wohl der Schüler. Dabei waren sie seit Jahren taub für Kritik. Der Vorsitzende der parlamentarischen Untersuchungskommission, Jeroen Dijsselbloem (PvdA) ist geschockt über die Ergebnisse. Es sei „ernüchternd“, wie schlecht die Resultate der Schulpolitik der letzen zwanzig Jahre seien.

Im Endbericht der Unterrichtskommission „Zeit für den Unterricht“, der in der vergangenen Woche vorgelegt wurde, wurden die Missstände im niederländischen Bildungswesen und die dafür verantwortlichen Politiker schonungslos benannt. In einer umfassenden Untersuchung wurden die Reformen der Grundausbildung an weiterführenden Schulen, die „Tweede Fase“, d.h. die Oberstufe, die auf das Fachabitur und die Hochschulreife vorbereitet, und die Schulform „vmbo“, deren Abschluss – in Etwa vergleichbar mit den deutschen Hauptschulen – zur Berufsausbildung berechtigt, evaluiert. Die Kommission kam zu der Erkenntnis, dass die Reformen der Neunzigerjahre in diesen Bereichen des Bildungswesens ihre Ziele verfehlt haben. Das Unterrichtsniveau habe sich nicht verbessert. Bei den Kernfähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen sei das Niveau gesunken. Das einzige positive Urteil fällte die Kommission über die vmbo. Die Vorbereitung auf die Berufsausbildung sei „ziemlich erfolgreich“.

Die schlechten Noten für das niederländische Bildungswesen sind erstaunlich, da die Niederlande bei den PISA-Tests im internationalen Vergleich konstant sehr gut abschneiden. Davon haben sich augenscheinlich auch die verantwortlichen Politiker blenden lassen. Bei der Frage nach den Gründen spricht die Kommission von einem „kollektiven Versagen“ an dem „jeder“ der Verantwortlichen beteiligt war. Auch die schwierigen Verhandlungen in den Regierungskoalitionen hätten zu der Fehlentwicklung beigetragen. Der Bericht verschweigt nicht die Namen derer, die die Schulpolitik im untersuchten Zeitraum besonders geprägt haben. Vor allem Tineke Netelenbos (PvdA), die in den Neunzigerjahren Staatssekretärin für Bildung war, habe nicht davor zurückgeschreckt „massiven Druck“ auszuüben, um zu überzeugen, so der Bericht der Untersuchungskommission. Netelenbos habe viele Hinweise absichtlich übersehen. Für sie habe es nur den „Tunnelblick“ gegeben, sagte der Vorsitzende der Kommission über seine Parteikollegin in einem Interview der Tageszeitung NRC Handelsblad. Grundsätzliche Kritik äußerte die Kommission an dem von der sozialdemokratischen Partei verfolgten „Gleichheitsideal“. Das hat zu großen Defiziten geführt, da Schüler nicht mehr individuell nach ihren Lernfähigkeiten gefördert würden. Auch die Zunahme der Anzahl von Schülern mit Migrationshintergrund und von so genannten „Problemschülern“ sei von den Verantwortlichen viel zu lange missachtet worden. In der Bildungspolitik sei eindeutig „die Parteipolitik stärker gewichtet worden als die Interessen des Kindes“, hielt der Vorsitzende der Kommission fest. Dies gelte vor allem für die Reform der Grundausbildung an Weiterführenden Schulen (Basisvorming). Damit greift Dijsselbloem das Vorgehen seiner eigenen Partei, der PvdA scharf an. Die Basisvorming, deren tatsächliche Einführung mittlerweile als eher unwahrscheinlich gilt, war lange Zeit das Steckenpferd der Sozialdemokraten.

Die Empfehlung der Kommission für die Zukunft ist unmissverständlich: mehr Aufmerksamkeit für die Schüler und den Lehrstoff, weniger Einsatz für das parteipolitische Drumherum.