Nachrichten Februar 2008


DEMO: Geliebt und gehasst – Johannes Heesters’ Auftritt in den Niederlanden

Amersfoort. CK/VK/NRC/Süddeutsche/Welt online. 19. Februar 2008.

Etwa 100 Demonstranten versammelten sich am Samstagabend auf dem Vorplatz des Theaters De Flint in Amersfoort – ausstaffiert mit Plakaten, auf denen „Mein Großvater war auch in Dachau“ oder „Der singende Nazi“ zu lesen war. Anlass war der Auftritt eines 104-jährigen Niederländers: Johannes Heesters. Als der Sänger und Schauspieler im Sommer letzten Jahres ankündigte, noch ein letztes Konzert in seiner Heimatstadt geben zu wollen, brachen die ersten Proteste und Zweifel in den Niederlanden los: Soll ihm dieser Auftritt erlaubt werden? 45 Jahre liegt sein letzter Auftritt in den Niederlanden zurück – damals begrüßte ihn das Amsterdamer Publikum mit Hitlergruß und vertrieb ihn von der Bühne. Einige Niederländer nehmen es Heesters bis heute übel, dass er große Erfolge im nationalsozialistischen Deutschland feierte und sich damals nicht vom NS-Regime distanzierte. Adolf Hitler soll ein begeisterter Fan des Künstlers gewesen sein, der seit 1935 in Deutschland lebt. Heesters selbst beteuerte noch kürzlich auf seiner Homepage, dass er sich nie aktiv für die Nationalsozialisten eingesetzt habe: "Ich habe in keinem einzigen Propagandafilm mitgewirkt, der das faschistische System verherrlicht hätte. Von mir finden Sie keine Wahlaufrufe für Hitler. Wo immer es ging, habe ich meine Arbeitsüberlastung vorgeschoben, um Naziempfängen zu entgehen."

Seinen Gegnern genügt dies nicht – sie werfen ihm insbesondere seinen Besuch des Konzentrationslagers Dachau im Jahr 1941 vor, wo er vor der dortigen Wachmannschaft aufgetreten sein soll. Der Wortführer des Komitees „Heesters raus!“, Hein van Kasbergen, bezeichnete Heesters gar als einen „Täter mit Blut an seinen Händen.“ Mit seinen Auftritten habe er, so Van Kasbergen, den Krieg verlängert.

Diese Aussage geht Vielen dann doch zu weit. Der Historiker David Barnouw, Mitarbeiter des niederländischen Kriegsdokumentationszentrums (NIOD), stellte klar, dass Heesters „absolut nicht der schwere Kriegsverbrecher [ist], den das Komitte aus ihm zu machen versucht.“ Er sei vielmehr „politisch naiv“ gewesen. Auch die jüdische Gemeinde in den Niederlanden nahm den Sänger in Schutz und forderte, diesen in Ruhe zu lassen.

Heesters Auftritt am Samstagabend wurde von einer Diashow begleitet, die Höhepunkte seiner Karriere zeigte. Aber auch die „dunklen Flecken“ ließ der Künstler nicht aus und zeigte mehrer Fotos seines Besuchs in Dachau – begleitet von einer Erklärung, dass er sich dafür sein Leben lang abgrundtief geschähmt habe. Als Heesters vor 600 begeisterten Zuhörern deutsche und niederländische Lieder zum Besten gab, fand in Amersfoort zeitgleich ein weiteres Konzert statt, bei dem Werke verfolgter und ermordeter Künstler gespielt wurden.