Nachrichten Dezember 2009


VORTRAG: Dutch Labour History in the Context of World History

Münster. CK. 04. Dezember 2009. 

Im Haus der Niederlande wurde gestern die Vortragsreihe „Niederländische Forschungseinrichtungen stellen sich vor“ fortgesetzt. Lex Heerma van Voss präsentierte dabei das renommierte Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG). Das in Amsterdam ansässige Institut gehört zu den weltweit größten Dokumentations- und Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der Sozialgeschichte. Bereits Mitte der 1930er Jahre wurde es, hervorgehend aus einer privaten Sammlung, von Nicolaas Posthumus gegründet. Nicht nur einheimisches Quellenmaterial wurde in dieser Zeit aufbewahrt – im Zuge der internationalen Entwicklungen und zunehmenden Bedrohung der Arbeiterbewegung nahm es auch Archivmaterial aus dem Ausland auf: darunter das Archiv der SPD, das nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurückkehrte, und einen Großteil des Marx und Engels Nachlasses. Auch heute übt das Institut – im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Institutionen politisch unabhängig – diese „Rettungsfunktion“ aus. Aus der ganzen Welt erreichen Dokumente linker Bewegungen das Institut, darunter das Archiv der Kommunistischen Partei Ägyptens und eine große Sammlung zum Tian’ammen-Aufstand in China.  Dieser internationale Trend spiegelt sich auch in der Forschung des Instituts wieder: weltweit vergleichende Projekte im Bereich der Sozialgeschichte sind inzwischen in den Vordergrund gerückt.

Im zweiten Teil seines Vortrags bot Heerma van Voss einen Überblick über die Wirtschafts- und Arbeitsgeschichte der Niederlande aus einer internationalen Perspektive. Bereits im 14./15. Jahrhundert herrschte, so der Heerma van Voss, in der Republik ein recht kommerzielles Leben. Ein Großteil der Menschen stand bereits damals in Lohnarbeit – für die damalige Zeit eine moderne Erscheinung. Ein wirtschaftlicher Aufschwung Ende des 16. Jahrhunderts gipfelt schließlich im so genannten „Gouden Eeuw“ (Goldenen Zeitalter), das die Niederlande auch für ausländische Arbeiter interessant machte. Arbeitermangel und Lohnanstiege lockten eine Großzahl Emigranten ins Land: viele stammten aus Skandinavien und Norddeutschland. Viele deutsche Gastarbeiter ließen damals ihre Familien in Deutschland zurück, wo die Lebenshaltungskosten niedriger waren. Insgesamt integrierten sich die Migranten jedoch schnell – bereits nach der zweiten Generation war ihre ausländischer Herkunft oftmals nicht mehr nachvollziehbar. Auffällig für diese Zeit ist auch der hohe Anteil an Frauenarbeit. Nicht zuletzt die Schifffahrt und die dadurch bedingte häufige Abwesenheit der Männer führte zu einer weitreichenden wirtschaftlichen Betätigung der Frauen. Dieser Trend setzte sich auch im 18. Jahrhundert weiter fort.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts zehrten die Niederlande vom „Gouden Eeuw“. Eine spät einsetzende Industrialisierung und das Angleichen der Löhne an den internationalen Standard der Zeit ließen die Niederlande für Arbeitsmigranten immer unattraktiver werden. Um 1900 stammte nur noch 1 Prozent der Bevölkerung gebürtig aus dem Ausland. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts kommt es diesbezüglich zu einem Umschwung: italienische Gastarbeiter gehörten zu den ersten einer neuen Migrantengeneration.