Nachrichten Dezember 2008


SPORT: WM ´78 in Argentinien: “Fußball in einem schmutzigen Krieg”

Zeist. FN/Wereldomroep.nl/NRC/Trouw/VK. 3. Dezember 2008.

Das niederländische Buch „Fußball in einem schmutzigen Krieg“ deckt die schwierigen Begleitumstände der Fußballweltmeisterschaft 1978 während der Diktatur in Argentinien auf. Ein Exemplar wurde durch Zeitzeugen Prinzessin Máxima überreicht, der Frau des niederländischen Kronprinzen Willem-Alexander, die aus Argentinien stammt.

“Ich bin davon überzeugt, dass die argentinische Militärjunta die Fußballweltmeisterschaft 1978 dazu benutzte, die Gräueltaten des Regimes vor der Weltöffentlichkeit zu verhüllen”, sagte Nora Morales de Cortinas von der Protestorganisation „Madres der Plaza de Mayo“. Das Buch von Marcel Rözer und Iwan van Duren wurde in der vergangenen Woche in Zeist, dem Sitz des Königlichen Niederländischen Fußballbunds (KNVB) vorgestellt. Als weiterer Zeitzeuge war der ehemalige argentinische Nationalspieler Leopoldo Luque anwesend. Nach eigenen Aussagen wurde ihm erst jetzt durch die Beschäftigung mit der WM ´78 das schreckliche Ausmaß der Diktatur deutlich. „Damals habe ich bloß Fußball gespielt“, gab er zu. Heute ist er davon überzeugt, dass die Fußballweltmeisterschaft 1978 nicht in Argentinien hätte stattfinden dürfen. „Wie kann man Fußballspielen in einem Land in dem so schreckliche Dinge passieren?“ Trotz vielfacher Proteste im eigenen Land gegen die Machenschaften der Militärjunta nahm die niederländische Nationalmannschaft an der WM teil. Das Buch beleuchtet sowohl die politischen als auch die sportlichen Umstände des Turniers. In zahlreichen Zeitzeugeninterviews wurden die damals Beteiligten befragt. Bitter war für die niederländische Mannschaft die Niederlage im Finale: Ausgerechnet der Gastgeber Argentinien gewann den Titel. Bei mehreren Begegnungen, wie zum Beispiel dem kurzfristig verlegten Match Argentiniens gegen Peru, das Argentinien 6:0 gewann, soll es allerdings Unregelmäßigkeiten gegeben haben. Das Ziel der Militärregierung, die Machtverhältnisse im Land zu stabilisieren, ging auf. Auch konnte man sich der Weltöffentlichkeit als freundliches Gastgeberland präsentieren. Iwan van Duren meint, dreißig Jahre nach dem Turnier sei es an der Zeit, die Geschichte aufzuarbeiten. „Wir fanden es für die Opfer und auch, um aus der Geschichte lernen zu können, sehr wichtig dieses Buch zu schreiben.“

Gemeinsam übergaben Leopoldo Luque und Nora Morales das Buch Prinzessin Máxima. Brisant ist diese Geste, weil Máximas Vater in den Siebzigerjahren für die argentinische Diktatur als Staatssekretär tätig war. Die Hochzeit der Argentinierin mit dem niederländischen Thronfolger war daher lange Zeit umstritten. Ihr Vater wurde schließlich nicht zur Hochzeit in die Niederlande eingeladen. “Ich finde es sehr wichtig, weil sie nunmal Argentinierin ist”, erklärt Morales. „Wahrscheinlich wurde in ihrer Familie gar nicht darüber gesprochen, was im Land passierte.“ Nora Morales hat, wie die vielen anderen Mütter, während der Zeit der Diktatur ihren Sohn verloren. Der damals 24-Jährige gilt immer noch als verschwunden. Mit ihrer Organisation, die den Namen eines Platzes in Buenos Aires trägt, macht sie auf die vielen Verbrechen der Militärregierung aufmerksam. Seit mehr als dreißig Jahren treffen sich die Mütter der so genannten „Verschwundenen“ (Desaparecidos) einmal in der Woche auf der Plaza de Mayo, um die Aufklärung der Morde zu fordern. Nora Morales betont auch, dass man Máxima keinen Vorwurf machen möchte. Sie war in den Siebzigerjahren ein Kind. Man sollte ihr nicht die Fehler ihres Vater vorwerfen, so Morales. Die niederländische Öffentlichkeit reagierte auf die Annahme des diktaturkritischen Buches mit Anerkennung. Mit Wohlwollen wurde aufgenommen, dass sich Prinzessin Máxima um die Aufarbeitung der Geschichte in ihrem Heimatland bemühe.