Nachrichten Dezember 2007



KULTUR: Nobelpreisträger Debye war “loyal” gegenüber den Nazis

Amsterdam. FN/NIOD/NRC/VK. 28. November 2007.

Der Naturwissenschaftler Peter Debye (1884-1966) kann „zu Recht als Opportunist eingestuft werden“. Das ist das Ergebnis des Berichts „Im Namen der Wissenschaft?“ den das Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD) am Dienstag vorstellte.

Im vergangenen Jahr entbrannte eine öffentliche Debatte um die Rolle des Chemie-Nobelpreisträgers während der Zeit des Nationalsozialismus. Anlass war das 2006 publizierte Buch „Einstein in den Niederlanden“ in dem der Wissenschaftshistoriker Sybe Rispens die Auffassung vertritt, Debye habe sich während seiner steilen wissenschaftlichen Karriere im Dritten Reich „die Hände schmutzig gemacht“. Die Universität Utrecht benannte daraufhin ihr Debye-Institut für Nanochemie um. Ebenfalls entschied sich die Universität Maastricht in Zukunft den Debye-Preis unter einem anderen Namen zu verleihen. Kritiker verurteilten diese Reaktionen als übereilt und regten eine ausführliche Untersuchung an.

Der nun vorgestellte NIOD-Bericht basiert auf einer umfangreichen Quellenanalyse. Grundsätzlich bestätigt das NIOD, dass die Quellen auf die sich Ripens in seiner Publikation berufen hatte, zuverlässig waren. Das über Debye zur Verfügung stehenden Material sei jedoch nicht erschöpfend ausgewertet worden, so dass es zu „mehreren unstimmigen Interpretationen“ gekommen sei. Anhand des Quellenstudiums konnte das Verhältnis von Debye zum Nationalsozialismus differenzierter bewertet werden. In seinem Auftreten nach Außen habe der Naturwissenschaftler sich nicht als Nazi zu erkennen gegeben. Das NIOD stufte Debye auch nicht grundsätzlich als Antisemit ein, obwohl er im Dezember 1938 als Vorsitzender der Deutschen Physikalischen Gesellschaft seinen Namen mit einer antisemitischen Maßnahme verband, die auf eine öffentliche „Arisierung“ dieser Berufsorganisation hinauslief. Debye selbst schätzte sich in seiner Position als niederländischer Wissenschaftler in Deutschland als unabhängig von den Nationalsozialisten ein. Um seine Position zu behaupten und um die ihm gebotenen Forschungsmöglichkeiten vollständig nutzen zu können, hat er aber billigend in Kauf genommen mit den Nazis zusammenzuarbeiten. Grundsätzlich verhielt er sich also loyal gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern. Das NIOD kam zu dem Ergebnis, dass Debye „als Wissenschaftler keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden“ machte, jedoch „als Wissenschaftsorganisator“ gleichzeitig „ohne öffentlichen Protest die Trennung von jüdischen und nichtjüdischen Lebenswelten“ akzeptierte. Nach Ausbruch des Krieges wurde Debye offiziell aufgefordert, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ein Aufgeben seiner niederländischen Identität kam für ihn aber nicht in Frage, so dass er schließlich 1940 in die USA ging und sich dort ebenfalls mit den vorherrschenden Gegebenheiten arrangierte. Das NIOD begründet die Einstufung Debyes als Opportunist damit, dass er „sich in jeder Situation eine Hintertür offen gelassen“ und so einen „Überlebensmechanismus der Mehrdeutigkeit“ entwickelt habe. Seine Motivation dazu war sein persönlicher Ehrgeiz und sein Einsatz für die Wissenschaft. Der Autor des Berichts, Martijn Eickhoff veranschaulichte das Ergebnis der Analyse mit der Aussage, Peter Debye sei ein Mensch gewesen, der sich „nur für sich selbst und die Wissenschaft einsetzte“.