© Megin Zondervan

Was ist eigentlich die Kernkompetenz einer LiteraturwissenschaftlerIn? Lesen.

So banal diese Fähigkeit auf den ersten Blick erscheinen mag, so relevant ist sie vor allem mit Blick auf die im Zeichen einer wirkungsmächtigen Globalkultur und ihrer Teilkulturen immer stärker nachgefragten Fähigkeit zur Analyse kultureller Repräsentationen. Wer gelernt hat, auf der Höhe der Komplexität eines Schiller-Dramas, einer Keller-Novelle oder expressionistischer Lyrik zu lesen, der ist bestens gerüstet, auch andere kulturelle Gebilde wie Pop-Musik, Computerspiele und Zirkusstücke zu analysieren – so lautet das Plädoyer der Kulturpoetik.

Welche Relevanz aber hat diese Lese-Fähigkeit im Prozess der Text-Produktion? Dieser Frage widmet sich das Seminar Kulturpoetik und Dramaturgie. Ziel der Veranstaltung ist es, am Beispiel des Zeitgenössischen Zirkus in einem ersten Schritt die Kernkompetenz von LiteraturwissenschaftlerInnen für die Analyse und Interpretation von Gegenwartskultur praktikabel zu machen und in einem zweiten Schritt ihr Potential für die produktionsästhetische Praxis zu erörtern.

Das Seminar findet in Kooperation mit einer Künstlerresidenz statt. Vier internationale zeitgenössische Zirkusartisten bekommen während der Zeit des Seminars die Gelegenheit an der Studiobühne der WWU an der Weiterentwicklung ihrer Produktion zu arbeiten. Die Studierenden stehen ihnen dabei als DramaturgInnen zur Seite. Anliegen ist, das sich im Produktionsprozess befindende Stück mithilfe der kulturpoetischen Lektüremethoden zu analysieren, die Analyseergebnisse mit den Künstlern zu diskutieren und das Stück anhand dieses Feedbacks weiterzuentwickeln. Dadurch erhalten die Studierenden nicht nur die Möglichkeit, die im Studium erlernten theoretischen Fähigkeiten in der künstlerischen Praxis anzuwenden, sondern sie bekommen auch Einblicke in ein von GermanistInnen häufig angestrebtes Berufsfeld: Die Dramaturgie.

Am Ende der einwöchigen Residenz steht eine Work-in-Progress-Präsentation, bei der unter dem Motto „Grenzüberschreitungen von Wissenschaft und Kunst“ die Studierenden und KünstlerInnen von ihren Erfahrungen berichten.