Allgemeines zum Studium der lateinischen Philologie

Was und zu welchem Zweck studiert ein Mensch lateinische Philologie bzw., wie das Studienfach oft abgekürzt genannt wird, einfach 'Latein'? Eine erste Antwort ist einfach: Jemand lernt Latein, um lateinische Texte im Original verstehen und für Leute verständlich machen zu können, die kein Latein können. Das zweite ist vielleicht wichtiger als das erste, nicht nur, wenn es um Berufsperspektiven geht: Latein wie eine andere Sprache aus Freude lernen, nebenbei, als Vergnügen und Herausforderung wie Skateboardfahren oder Stricken - ganz wunderbar und aller Ehren wert. Der Markt der Nachfrage könnte also regeln, dass es auch Anbieter gibt, Lehrerinnen und Lehrer, Helferinnen und Helfer.

Aber das Ziel, lateinische Texte erklären, erschließen und anderen zugänglich zu machen, ist ein anderes und sicher weniger privat. Lateinische Philologie ist der einzige Schlüssel zu einer Truhe mit tausenden von Texten, die in etwa zweitausenddreihundert Jahren weltweit verfasst wurden, quer durch Kulturen, Traditionen, Gesellschaften und Themen hindurch. Ist niemand da, die/der sie erklären kann - und zwar für die jeweiligen Zeitgenossen immer neu - , sind sie weg. Kein Schlüssel, kein Schatz.  

Nun ist aber der Spracherwerb nur der Anfang, die Voraussetzung. Das Studieren ist Revision des Gelernten (Lernen bedeutet auch, sich von Irrtümern zu befreien) und Ausbau der Kenntnisse, vor allem aber Anwendung. Was an Sprachausbildung im Studium geschieht, sollte also nicht mit dem Lernen an der Schule oder anderswo verwechselt werden. Lateinische Philologie (oder: Latein) ist das Fach, das sich mit der lateinischen Sprache und (der in dieser Sprache verfassten) Literatur beschäftigt. Wenn Sie für "Fach" das vornehmere und schwieriger zu definierende Wort "Wissenschaft" einsetzen, haben Sie eine ganz passende Bestimmung: Lateinische Philologie der Antike ist die Wissenschaft von der lateinischen Sprache und Literatur der Antike. Das können Sie dann später erweitern oder eingrenzen, z.B. nach Zeiten (der Spätantike, des Mittelalters, der Neuzeit).

Die lateinische Philologie ist eine Literaturwissenschaft und eine Sprachwissenschaft, das ist sie aber deshalb, weil in ihr die sehr gute Sprachkenntnis am Anfang, nicht am Ende ihrer Praxis steht. Für das Studium leitet sich dann eine einfache Regel ab: So früh wie möglich, unabhängig von Scheinen und Modulen, so viel und intensiv wie möglich alles zur Sprachbeherrschung Notwendige lernen, um sich mit den tatsächlichen Gegenständen des Faches befassen zu können. Wenn Sie also 'Latein studieren', lassen Sie schnell die Stufe hinter sich, die andere mit der Bezeichnung (viel, ein wenig) "Latein können" meinen.

Latein bedeutet also wie Deutsch, Englisch, Französisch, Persisch oder Hebräisch eine einfache Einschränkung des Tätigkeitsfeldes auf die Texte, die in der jeweiligen Sprache verfasst sind. Damit sind wir weit über das Wiederholen von Schulwissen hinaus: Mit einer Sprache so umgehen zu können, dass wir die in ihr verfassten Texte erschließen, ihre Bedeutungen beschreiben und die Literatur wie die in einer anderen, gut beherrschten Sprache wissenschaftlich behandeln können - das sind Ziele, die aller Studien wert sind.  

Von der Bestimmung aus, was man in diesem Fach tut, können Sie auch Methoden und Ziele ableiten. Alles, was an Möglichkeiten existiert, Sprache und Literatur richtig zu beschreiben, einzelne Teile zu benennen, Bedeutung zu erschließen und Thesen zu formulieren, ist auch im Fach Latein relevant. Studieren heißt dann, sich über die eigenen Aussagen und die anderer Gedanken machen, Termini auf ihre Berechtigung zu prüfen, immer nachzufragen, woher jemand etwas zu wissen meint, und nach und nach darin besser zu werden, was Sie sich vorgenommen haben: jemand zu werden, der selbständig lateinische Texte erschließen und sprachliche und literarische Gegenstände zuverlässig untersuchen kann, vor allem für diejenigen, die das nicht können. Dafür werden Sie in der Fachgeschichte selbst, vor allem aber in den anderen Sprach- und Literaturwissenschaften, der Philosophie, Theologie, Kunstwissenschaft und dem ganzen Spektrum der Geisteswissenschaften (manchmal auch darüber hinaus) notwendige Instrumente und Anregungen finden. 

Statt der an der Münsteraner Universitätsbibliothek angebrachten Maxime nehmen Sie dann besser eine, die sich praktisch umsetzen lässt: Trauen Sie denen, die Gründe für ihre Aussagen geben können. Denn eigene Aussagen begründen zu können, ist der Ausweis zuverlässigen Wissens, und damit der Wissenschaft nahe. Nach Gründen fragen und diese prüfen, gilt auch in der Lateinischen Philologie als ein solches Kennzeichen des Wissenschaftsnahen - und Sie sind mit Ihren Fragen schon mittendrin im Philologinnen- und Philologendasein.

An anderer Stelle mehr dazu. Hier noch einige einfache, aber hilfreiche Hinweise auf Ressourcen, aus denen Sie für Ihr Studium schöpfen können:

  • Tropen und Figuren: Die zahlreichen Möglichkeiten, nach einem benennbaren Muster sprachliche (also z.B. phonetische, etymologische, semantische, konventionelle) Elemente so zu gestalten, dass sie das so entstehende Ganze mehr und andere Bedeutungen hat als seine Einzelteile, bilden seit ihrer Systematisierung durch antike griechische und römische Grammatiker und Rhetoren ein zentrales Gebiet der Analyse literarischer Texte. Ihre Kenntnis und vor allem ein Interesse daran, sie in nicht bloß bürokratischer, sondern intellektueller Absicht für die Erschließung literarischer Sinngehalte zu nutzen, machen sich quer durch die potentiellen Zwecke, mit denen Menschen ein Studium der (antiken) Literatur verfolgen, im unmittelbaren, also nicht pekuniären Sinn bezahlt. Eine der gelungensten Darstellungen in didaktisch fruchtbarer Form, nämlich die von Professor Dr. Konrad Heldmann, finden Sie hier.
  • Übersichten zur lateinischen Literatur: