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> Prof. Dr. Sebastian Lohsse am 30.01.2013

Was kann Rechtsgeschichte uns lehren?

Am Abend des 30. Januar 2013 lud die Juristische Studiengesellschaft Münster zu einem Vortrag von Prof. Dr. Sebastian Lohsse zum Thema „Römisches Recht und englische Grundstücke – oder: Was kann uns die Rechtsgeschichte lehren?“ in die Bibliothek im Haus der Niederlande ein. Prof. Lohsse ist Leiter des  Lehrstuhls für Römisches Recht und Vergleichende Rechtsgeschichte, Bürgerliches Recht und Europäisches Privatrecht an der Universität Münster.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Prof. Dr. Franziska Boehm, Juniorprofessorin am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht, hielt Prof. Lohsse vor den zahlreich erschienenen Zuhörern einen 45-minütigen Vortrag über die Frage, welche Folgen die Anwendung des Ausspruches „superficies solo cedit“ („Der Überbau folgt dem Boden“) in England für die Eigentumsverhältnisse englischer Grundstücke hat und inwiefern ein Blick in das römische Recht die praktische Anwendbarkeit dieses Satzes erleichtern könne.

Der Grundsatz „superficies solo cedit“ sei schon im römischen Recht als sog. Dreiklang bei Gaius aufgetaucht. Danach fielen Gebäude, Samen und Pflanzen in das Eigentum des Grundstücksbesitzers. Dieser Satz gelte in der lateinischen Fassung auch in England, ohne jedoch die im römischen Recht entwickelten ausdifferenzierten Ausnahmeregelungen zu umfassen. Nach den Ausführungen von Prof. Lohsse ging man daher bisher davon aus, dass der in England geltende Satz nicht auf römisches Recht zurückzuführen sei.

Für englische Grundstücksbesitzer stellte sich in der Vergangenheit die Frage, ob der dort geltende Rechtssatz „superficies solo cedit“ Ausnahmen für bestimmte in das Grundstück eingebrachte Sachen vorsieht, wie etwa fest mit dem Boden verbundene Maschinen. Auf diese Frage fand man dort keine befriedigende Antwort. Ein Blick in die Rechtsgeschichte hätte das Problem gelöst, wie Prof. Lohsse anschaulich darlegte. Auch Gaius hätte sich mit der Problematik der eingebrachten Sachen auseinandergesetzt. Für dieses gelte in bestimmten Fällen der Grundsatz „superficies solo cedit“ nicht, das Material verbleibe dann im Eigentum des bisherigen Eigentümers. Da der Grundstückseigentümer die Herausgabe jedoch verweigern könne, habe der Materialeigentümer nach Gaius einen Anspruch auf Wertersatz.

Eine Auseinandersetzung mit der Herkunft des Ausspruches hätte, so Prof. Lohsse, den Engländern „500 Jahre Kopfzerbrechen erspart“. Denn im römischen Recht habe der Satz vielmehr den Charakter eines Grundsatzes, der in einigen Konstellationen Ausnahmen vorsehe und daher der jeweiligen Interessenlange angepasst werden könne.

Im Anschluss an seinen Vortrag stellte sich Prof. Lohsse den interessierten Fragen der Zuhörer. Durch die Diskussion führte der Dekan der Rechtwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Thomas Hoeren.