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> Prof. Dr. Bernd Brinkmann am 21.09.2011

Bericht zum Vortrag von Prof. Dr. Bernd Brinkmann 21.09.2011

Auf Einladung der Juristischen Studiengesellschaft Münster hielt Professor Bernd Brinkmann am Abend des 21. September 2011 im Schwurgerichtssaal des Landgerichts in Münster einen Vortrag zum Thema „Rechtsmedizinische Rekonstruktion von Geschehensabläufen – dargestellt anhand von zwei Fällen“. Nach kurzer Vorstellung und Begrüßung des Referenten durch den Präsidenten des Verwaltungsgerichts Münster, Manfred Koopmann, und den Präsidenten des Landgerichts Münster, Klaus Schelp, begann  der Referent vor über 200 interessierten Zuschauern seinen Vortrag.

Der erste Fall befasste sich mit der Ermordung des Bankiers Roberto Calvi, der 1982 in London erhängt aufgefunden wurde. Calvi war ein italienischer Bankier mit engen Beziehungen zur Vatikanbank und Verstrickungen in die Mafia, der sich zu dem Zeitpunkt auf der Flucht vor den italienischen Behörden befand. Nachdem zunächst von einem Selbstmord Calvis ausgegangen und dieser beerdigt worden war, kamen später  Zweifel an dieser Diagnose auf. Im Jahre 1992 wurde Professor Brinkmann damit beauftragt eine zweite Untersuchung durchzuführen. Brinkmann gelang mit Hilfe aufwendiger Verfahren der sichere Nachweis, dass Calvi ermordet worden war. Auch der Tatablauf konnte in großen Teilen rekonstruiert werden. Der Referent führte dem staunenden Publikum vor Augen, dass auch noch viele Jahre nach einer Tat häufig noch eine detaillierte Rekonstruktion möglich ist.

Das zweite Beispiel war der Fall des Todes Wolfgang Grams‘, Mitglied der RAF, im Jahre 1993. Grams hatte bei dem Versuch der Polizei, ihn und Birgit Hogefeld an einem Bahnhof in Bad Kleinen festzunehmen, das Feuer auf die Beamten eröffnet und war später nach kurzem Schusswechsel an den Folgen eines Kopfschusses gestorben. Nach ersten Untersuchungen konnte der Todesschuss weder der Waffe Grams‘ noch denen der GSG-9 zugeordnet werden. Aufgrund dieser Unstimmigkeiten musste im Anschluss Innenminister Seiters zurücktreten. Nachdem Prof. Brinkmann mit der Untersuchung des Falles beauftragt worden war, konnte eindeutig festgestellt werden, dass der erste Eindruck getäuscht hatte und Grams sich durch einen aufgesetzten Kopfschuss aus seiner eigenen Waffe selbst getötet hatte. Entscheidend für das Ergebnis waren die Blutspuren an der Waffe sowie die Untersuchung der Hitzeentwicklung bei einem derartigen Schuss.

Im Anschluss an seinen etwa 60 minütigen Vortrag gab der Referent den Zuhörern bereitwillig Auskunft über seinen Werdegang und die Schwierigkeiten seines Berufs. Besonders wichtig war ihm, angesprochen auf die Frage nach Fehlern bei der Leichenschau, der Hinweis auf die hohe Dunkelziffer an „unnatürlichen Toden“. Seiner Ansicht nach bleibt in Deutschland jedes zweite Tötungsdelikt unentdeckt.

Professor Brinkmann war bis 2007 Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und leitet seit 2009 das Institut für Forensische Genetik in Münster.

Die Juristische Studiengesellschaft mit Sitz in Münster wurde 1949 mit dem Ziel neugegründet, die Rechtspraxis mit wissenschaftlichen Entwicklungen vertraut zu machen. Regelmäßig werden dazu Vortragsreihen zu wichtigen Themenbereichen oder einzelne Vortragsveranstaltungen zu aktuellen Fragen durchgeführt, in denen ein wissenschaftlicher und praktischer Meinungs- und Erfahrungsaustausch stattfindet. Namhafte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Praxis, Politik und Wirtschaft nutzen diese Gelegenheit, um aktuelle Rechtsprobleme, rechtsgeschichtliche Themen oder Fragen zu Aspekten der Rechtskultur im weitesten Sinne zu thematisieren.