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> Akademische Gedenkfeier für Prof. Brox am 17.6.2010

„Kann man das nicht auch einfacher sagen?“

Die Juristische Studiengesellschaft Münster unter dem Vorsitz von Prof. Hoeren und dem Präsidenten des Verwaltungsgerichts Herrn Koopmann veranstaltete zusammen mit der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster am 17. Juni 2010 ein Symposium zum Gedächtnis an Prof. Brox. Die Veranstaltung mit ca. 150 Besuchern fand im Erbdrostenhof in Münster statt. Mit dem Symposium wurden das herausragende Wirken und die enorme Bedeutung von Prof. Brox in nahezu allen zivilrechtlichen Bereichen gewürdigt. Als Referenten konnten dazu viele seiner ehemaligen Schüler gewonnen werden. Bei dem anschließenden Sektempfang hatten die Gäste die Möglichkeit auch in persönlichen Gesprächen das Leben und die gemeinsamen Erlebnisse mit dem Rechtswissenschaftler Hans Brox Revue passieren zu lassen.

Die Vorträge zu Ehren des Hans Brox fanden in dem eindrucksvollen barocken Festsaal des Erbdrostenhofs statt. Nach einer Begrüßung durch den Dekan der Juristischen Fakultät  Prof. Wolffgang und dem Vorsitzenden der Juristischen Studiengesellschaft Prof. Hoeren würdigte Prof. Schlüter  in seinem Vortrag das Wirken von Prof. Brox als Richter. Er stellte heraus, dass Hans Brox seit Beginn seines juristischen Studiums durch überragend gute Leistungen aufgefallen sei und so auch ein ausgezeichnetes Examen absolviert habe. Seine zwei herausragend guten Examina, so Schlüter, hätten ihm die Türen zu dem Beruf seiner Wahl, dem Richterberuf, geöffnet. So sei er 1964 Richter am Verfassungsgerichtshof des Landes Nordrhein-Westfalen geworden, an dem er 30 Jahre mitgewirkte  habe und sei dort unter anderem an bedeutenden Entscheidungen zur kommunalen Neugliederung Nordrhein-Westfalens beteiligt gewesen. Im Jahre 1967 sei er dann Richter am Bundesverfassungsgericht geworden und habe dort dem 1. Senat angehört. Auch hier, erklärte Prof. Schlüter, habe er entscheidend an vielen Entscheidungen mitgewirkt, die noch heute von herausragender Bedeutung für das Verfassungsrecht seien. So sei er am „Mephisto“-, sowie am „Soraya“-Beschluss beteiligt gewesen; zwei Entscheidungen, die grundlegende Bedeutung für die Herausbildung des Persönlichkeitsschutzes haben. Ebenso habe er Einfluss auf die Entscheidungen „Numerus Clausus“ und dem „Hochschulurteil“ gehabt.  Seine Persönlichkeit, so Schlüter weiter, die von all seinen Schülern als offen, warmherzig, tolerant und bescheiden beschrieben werde,  schlüge sich auch in seiner Arbeit als Richter nieder. Er habe es abgelehnt sich darzustellen und sich über seine Arbeit zu profilieren. Aus diesem Grund  habe er seine Urteile nicht anschließend in der Öffentlichkeit kommentiert und habe während seiner Zeit am Bundesverfassungsgericht auch keine Sondervoten verfasst. Prof. Schlüter gab den Gästen ferner einen Einblick in den Bereich der wissenschaftlichen Tätigkeit des Prof. Brox und stellte vor allem die gegenseitige Wechselwirkung und Beeinflussung seiner richterlichen Praxis und der Tätigkeit als Wissenschaftler heraus. So sei es Hans Brox bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit immer wichtig gewesen die Verbindung zur Rechtspraxis zu behalten, da die Rechtsdogmatik für ihn kein Selbstzweck gewesen sei, sondern unmittelbar dem praktischen Leben dienen sollte. Den Vortrag, in dem Prof. Schlüter auch immer wieder auf die geschätzte Persönlichkeit des Professors zu sprechen kam, endete er mit einem Zitat eines Studenten: „Das Juridicum ohne Brox ist wie Münster ohne Regen.“

Im Anschluss daran ging Prof. Walker in seinem Vortrag auf den Einfluss von Prof. Brox auf das Zivil- und Zivilprozessrecht ein, das dieser maßgeblich geprägt hat. Seine erste Berührung mit der Wissenschaft habe Prof. Brox mit seiner Examensarbeit gemacht, die als Monographie veröffentlicht wurde. Bedeutenden Einfluss auf die Rechtswissenschaft habe seine Habilitation mit dem Titel „Die Einschränkung der Irrtumsanfechtung“ gehabt, welche eine noch immer beachtete Schrift sei und wichtige Erkenntnisse zum allgemeinen Teil des Bürgerlichen Rechts liefere. Seine herausragende Arbeit als Wissenschaftler habe sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass er sich nicht auf ein oder zwei Rechtsgebiete beschränkt, sondern sich immer mit vielen verschiedenen Rechtsgebieten befasst habe, wodurch es ihm möglich war, Verbindungen herzustellen und grundlegende Erkenntnisse für das Recht zu gewinnen. So habe er sich nicht nur mit Fragen des allgemeinen Teils des Bürgerlichen Rechts, sondern auch mit Fragen im des Schuld-, Sachen, Familien- und Erbrechts beschäftigt. Weiterhin erklärte Prof. Walker, dass Prof. Brox auch im Zivilprozessrecht wichtige Beiträge geleistet habe, die nicht nur die Lehre, sondern auch die höchstrichterliche Rechtsprechung beeinflusst hätten. Prof. Walker betonte außerdem, dass Prof. Brox ferner einen wichtigen Beitrag zur guten Juristenausbildung in Münster geliefert habe, indem er mit seinen didaktischen Fähigkeiten, aber auch aufgrund seiner menschlichen Art die Studenten begeistert habe. Zudem ging Prof. Walker auf sein Wirken in dem Bereich der Lehrbücher ein. Er betonte, dass dieser sogar eine neue Lehrbuchkultur begründet habe, indem er auf eine anschaulichere Weise als bisher komplexe Sachverhalte dargestellt und durch eine einfache nachvollziehbare Gliederung und passende Beispiele viele bedeutende Lehrbücher geschrieben habe, die nicht nur für die Lehre von herausragender Bedeutung seien, sondern auch für die höchstrichterliche Rechtsprechung, die diesen immer wieder zitieren würde. Doch auch Prof. Walker betonte nochmals, dass er nicht nur Anerkennung aufgrund seiner fachlichen Leistung bekommen hätte, sondern auch aufgrund seiner Persönlichkeit und seinem Umgang mit seinen Mitarbeitern und Studenten. Er beschrieb ihn als einen toleranten, diskussionsfreudigen Menschen, der immer offen für neue Erkenntnisse und Meinungen gewesen sei und einem nie das Gefühl von fachlicher Unterlegenheit gegeben habe. Prof. Walker sprach von „einer Art Brox‘schen Familie“, die um ihn herum entstanden sei, da er sein Umfeld nicht nur motivierte und durch seine herausragende Leistung beeindruckt habe, sondern weil seine Mitmenschen sich ihm und seiner Lehre verbunden gefühlt haben und sich mit seinen Rechtsauffassungen identifizieren konnten.

Anschließende ehrte Prof. Rüthers in seinem Vortrag Prof. Brox und ging insbesondere auf die Leistungen des Professors auf dem Gebiet der Rechtsmethodik ein. Für Hans Brox sei es immer von besonderer Bedeutung gewesen, so erklärte Prof. Rüthers, dass die in der Rechtswissenschaft Tätigen sich immer einer klarer Sprache bedienten, so dass sie selbst für Laien verständlich ist. Begründung dafür sei laut Prof. Brox gewesen, dass die Rechtswissenschaft eine Institution zum Dienst am Menschen sei. So sei Hans Brox unter seinen Schülern für seinen Satz bekannt gewesen „Kann man das auch einfacher sagen?“ Auf dem Gebiet der Rechtsmethodik habe Prof. Brox die Lehre der Interessenjurisprudenz von Prof. Heck weiterentwickelt und diese später in Wertungsjurisprudenz umbenannt. Nach Brox seien bei der Gesetzesauslegung mithin zunächst die Gebotsvorstellungen, dann die zuvor angestellten Interessenabwägungen des Gesetzgebers und schließlich die objektiven Interessenlagen zu erforschen. Mit dieser Lehre habe Brox somit auch auf dem Gebiet der Rechtsmethodik einen sehr bedeutenden Beitrag geleistet.

Zum Abschluss konzentrierte Prof. Dütz sich in seinem Vortrag auf den Einfluss, den Prof. Brox auf das Arbeitsrecht hatte. Seine rechtsmethodischen Erkenntnisse seien besonders auf dem Gebiet des Arbeitsrechts von entscheidender Bedeutung gewesen, da dieses Rechtsgebiet ein unvollkommenes ist und aus diesem Grund das Richterrecht das Schicksal des Arbeitsrechts sei. Prof. Brox, der 1962 Direktor des Instituts für Arbeits- und Wirtschaftsrechts geworden sei, habe das bedeutende Handbuch mit dem Titel „Arbeitskampfrecht“ verfasst, das auch heute noch als brisantes Werk des Arbeitsrechts gilt. Zudem habe er ein Lehrbuch zum Arbeitsrecht verfasst, das wie seine anderen Lehrbücher auch von besonderer Bedeutung für die juristische Lehre sei. Auch mit seinen Anmerkungen zu höchstrichterlichen Entscheidungen, die im Arbeitsrecht besonders wichtig sind, habe er entscheidenden Einfluss auf dieses Rechtsgebiet ausgeübt. Insbesondere am Bundesverfassungsgericht, an dem er Berichterstatter für Arbeits- und Sozialrechte gewesen sei, sei es ihm gelungen, das Arbeitsrecht auch auf verfassungsrechtlicher Ebene zu beeinflussen. Abschließend würdigte auch Prof. Dütz neben seiner herausragenden fachlichen Leistung seine menschliche offene, herzliche und tolerante Persönlichkeit, die auch bedeutend dazu beigetragen habe, dass Prof. Hans Brox nicht nur in Münster, sondern in ganz Deutschland nicht in Vergessenheit geraten wird.

Hans Brox wurde am 9. August 1920 in der Industriestadt Dortmund geboren. Diese Arbeiterstadt hat seine Bodenständigkeit, Zuverlässigkeit und Gradlinigkeit sehr geprägt. Von 1939-1940 studierte er Philosophie in Paderborn und legte das Philosophicum ab. Dieses Studium musste er 1940 abbrechen, da er zur Wehrmacht eingezogen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Brox von 1945 bis 1948 Rechtswissenschaft in Bonn. Seine Examensarbeit wurde, was einmalig war, als Monographie veröffentlicht. 1948 promovierte er in Bonn mit einer strafrechtlichen Arbeit und legte 1950 die Große Juristische Staatsprüfung mit glänzendem Erfolg ab. Nach dem Studium war Brox nahezu zehn Jahre in der Zivilgerichtsbarkeit, zuletzt am Oberlandesgericht Hamm tätig. Daneben zog es ihn in die Wissenschaft und 1959 wurde er von der Universität Münster habilitiert. Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer an den Universitäten Mainz (1961-1962) und Münster (seit 1962) war er von 1967 bis 1975 Richter am Bundesverfassungsgericht und außerdem von 1964 bis 1994 Mitglied des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen. Die zahlreichen von ihm verfassten Lehrbücher zählen jedes für sich zu den auflagenstärksten juristischen Lehrbüchern was auf Brox´ Fähigkeit zurückgeht schwierige Rechtsprobleme so darzustellen, dass sie auch von jungen Juristen verstanden werden. Sein Wirken als Wissenschaftler, akademischer Lehrer und Richter ist durch die Verleihung hoher Auszeichnungen, wie dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland und dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen, gewürdigt worden. Brox verstarb am 8. Juni 2009 in Münster.

Die Juristische Studiengesellschaft mit Sitz in Münster wurde 1949 mit dem Ziel neugegründet, die Rechtspraxis mit wissenschaftlichen Entwicklungen vertraut zu machen. Regelmäßig werden dazu Vortragsreihen zu wichtigen Themenbereichen oder einzelne Vortragsveranstaltungen zu aktuellen Fragen durchgeführt, in denen ein wissenschaftlicher und praktischer Meinungs- und Erfahrungsaustausch stattfindet. Namhafte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Praxis, Politik und Wirtschaft nutzen diese Gelegenheit, um aktuelle Rechtsprobleme, rechtsgeschichtliche Themen oder Fragen zu Aspekten der Rechtskultur im weitesten Sinne zu thematisieren.
Weitere Informationen unter: www.juristische-studiengesellschaft-muenster.de.