• Projekt


    LiquidFeedback in der Kommunalpolitik - Untersuchung am Beispiel niedersächsischer Kommunen
    Deutschlands Demokratie hat ein Problem: ihr laufen die Wähler weg. Seit den 70ern ist die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen um etwa 20 Prozentpunkte gefallen (Bundeswahlleiter 2015). Ein Luxusproblem angesichts der Tatsache, dass bei Kommunalwahlen mancherorts nicht mal jeder Zweite noch zur Wahlurne geht. Die Politikverdrossenheit und politische Apathie der Bürger entlädt sich in einer seit einigen Jahren neu erstarkenden Protestkultur (Flughafen BER, Stuttgart 21, PEGIDA) (Kersting/Woyke 2012); Parteien wie die Piraten oder die Alternative für Deutschland übernehmen zum Teil die Aufgabe der parlamentarischen Repräsentation dieser Protestbewegungen während die etablierten Parteien weiter zu „empty railway stations“ (Kersting 2012) verkommen.
    Aus der Partizipationsforschung ist bekannt, dass den Bürgern Wählen alleine nicht reicht. Der Ruf nach Mitbestimmung und Gehört-werden-Wollens scheint angesichts der Ergebnisse einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung (2014) unüberhörbar. Deswegen ist die Frage, wie auf Politikverdrossenheit, Apathie und Zynismus reagiert werden kann, gleichzeitig auch die Frage danach, wie Bürger in Zukunft in politische Problemlösungsprozesse mit eingebunden werden sollen. Eine politisch aktive Bürgerschaft trägt dazu bei, dass Interessen zielgerichtet und bedarfsgerecht an das politische System herangetragen werden können. Bleibt offen, wie man Mitbestimmung und Anhörung der Bürger tatsächlich ausgestaltet.
    Deshalb werden seit den 70ern neue Konzepte und Instrumente der Bürgerbeteiligung entwickelt, die unter dem Sammelbegriff partizipatorische Demokratietheorie zusammengefasst werden. Hierbei zeichnet sich ein Trend ab, nach dem neben direktdemokratischen vor allem auch dialogische Verfahren einen Aufschwung erleben („deliberative turn“). Im Zentrum der deliberativen Demokratie steht der Diskurs, an dem die Bürger mitwirken sollen - einerseits zum Zweck der Beratung, andererseits zur eigenen Willensbildung.
    In diesem Zusammenhang kommt dem Internet eine große Rolle hinzu, da Bürger auf diese Weise viel stärker in politische Prozesse eingebunden werden können. Längst gibt es eine Reihe von Online-Werkzeugen, die auf den Prinzipien der deliberativen Demokratie basieren. Eins davon ist LiquidFeedback. Die Software bietet eine Open-Source-Plattform an, auf der Anträge eingereicht, diskutiert, abgeändert und darüber abgestimmt werden können. Aufgrund der Gesetzeslage sind die Abstimmungen, die auf LiquidFeedback stattfinden, für die Politik nicht bindend; angenommene Anträge können jedoch in die Kommunalparlamente überführt werden. Das Besondere an LiquidFeedback: Die Nutzer können entscheiden, ob sie ihre Stimme an einen anderen Nutzer delegieren oder selbst abstimmen möchten. Eine solche Delegation ist jederzeit widerrufbar. Damit folgt LiquidFeedback den Grundprinzipien der Liquid Democracy, ein aus politikwissenschaftlicher Perspektive sehr interessanter Ansatz, weil er eine Mischform von direkter und repräsentativer Demokratie darstellt.
    Soweit zumindest die graue Theorie. Im ersten Quartal 2015 starten der Landkreis Rotenburg und die Stadt Seelze ihre eigenen LiquidFeedback-Plattformen. Es wird sich zeigen, wie Bürger die Plattform nutzen, um sich in die politischen Prozesse einzuklinken und wie die Politik darauf reagiert.

    Das Promotionsvorhaben will die folgenden erkenntnisleitenden Fragen beantworten:
    1. Wie funktioniert das Prinzip der Liquid Democracy in der Praxis? D.h. wie leistungsfähig ist LiquidFeedback  bei der Integration von Bürgern in den politischen Prozess und der Produktion effizienter Ergebnisse?
    2. Lassen sich Transformationsprozesse zu einer beteiligungszentrierten Demokratie nachweisen, die auf den Einsatz von LiquidFeedback zurückzuführen sind?
    Das Forschungsdesign sieht einen Methoden-Mix vor. Neben einer quantitativen Befragung der Nutzer und Nicht-Nutzer von LiquidFeedback, sollen Mandatsträger und Verwaltungsmitarbeiter, die mit der Umsetzung und Administration von LiquidFeedback betreut sind, in Experteninterviews befragt werden. Außerdem werden die Diskussionsbeiträge auf der Plattform hinsichtlich ihrer Diskursqualität analysiert.

  • Forschungsgruppe

    Herr Bauser wird von Prof. Dr. Nobert Kersting betreut und ist Mitglied der Forschungsgruppe „Urban and Regional Innovation“.

  • Werdegang

    seit November 2017 Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Sybille Benning (MdB)
    seit November 2016 Promotionsstipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung
    2016 Studienkoordinator für Politik und Recht, Politik und Wirtschaft und Wirtschaft und Recht
    Seit 2015 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Prüfungsamt am Fachbereich für Wirtschaftswissenschaften, WWU Münster
    2015 Aufnahme in die Graduate School of Politics (GraSP) der WWU Münster
    2014 Beginn der Promotion mit dem Arbeitstitel „LiquidFeedback in der Kommunalpolitik - Untersuchung am Beispiel des Landkreises Rotenburg (Wümme) und der Stadt Seelze“
    2014 Abschluss des Diplomstudiengangs Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt
    Thema der Diplomarbeit: „Anpassungsdruck im politischen Wettbewerb am Beispiel der Piratenpartei Deutschland“
    2012-2014 Hilfsredakteur in den Redaktionen „Mittagsmagazin“ und „Hallo Deutschland“, Zweites Deutsches Fernsehen
    2012-2014 E-Learning-Berater, Technische Universität Darmstadt
    2011-2013 Redakteur, Pressestelle Technische Universität Darmstadt
    2011 Beobachtende Teilnahme an der Überprüfungskonferenz für Biowaffen, UNO Genf
    2010-2011 Studentische Hilfskraft von Prof. Dr. Herbert Meyr, Technische Universität Darmstadt
    2007 Abitur an der Tilemannschule Limburg
  • Publikationen

  • Weiteres

    Konferenzteilnahmen:

    • Juli 2016: Graduate Conference in Tartu (Estland)

    Mitgliedschaften:

    • Stellvertretendes Mitglied im Promotionsausschuss des FB 06 (Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaften)
    • Mitglied der CDU und der Jungen Union

    Forschungsinteressen:

    • Demokratieforschung
    • Kommunalpolitik
    • Partizipationsforschung
    • Verwaltungswissenschaften
    • Außenpolitik
    • Sicherheitspolitik