Buch des Monats
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Cees Nooteboom Het geluid
van Zijn naam
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Het geluid van Zijn naam ist eine Sammlung von Reportagen und Gedichten, die von den in der islamischen Welt erworbenen Eindrücken des Reiseschriftstellers Cees Nooteboom handelt. Die Aufzeichnungen sind zwischen 1960 und 2003 entstanden und meist schon an anderer Stelle veröffentlicht, hier jedoch noch einmal gebündelt und mit einem Nachwort versehen publiziert. Nooteboom bereiste Iran, Tunesien, Marokko, Mali, Indien und Spanien und berichtet von Streifzügen durch Städte und karge Landschaften, schneidet aber auch historische und politische Themen an. Dabei ziehen sich zwei Motive wie ein roter Faden durch die einzelnen Reportagen, nämlich zum einen der Stellenwert der eigenen Kultur und zum anderen das Phänomen der Zeit, typische Themen in Nootebooms Oeuvre.
Der Ich-Erzähler ist Bestandteil der westlichen Kultur und Tradition und fühlt sich vor allem in Gebieten, in denen er die Sprache nicht versteht und die Schrift nicht lesen kann, als Fremder: „alle opschriften in Arabische tekens, de pretentie van het Engels als wereldtaal vervliegt als eau de cologne“ (S. 15). Doch dieser Zustand wird oft als Segen empfunden, da er die Illusion des eigenen Selbstverständnisses zerstört: „hoe langer je blijft, hoe meer je naar het zuiden zakt, des te vreemder word je ook voor jezelf, tot je plotseling merkt dat je je omgeving aanvaardt als maatgevend en autonoom en jezelf als de bezoeker, de uitsluitende kijker, de dove luisteraar“ (S. 63). Diese Verfremdung von sich selbst geht nicht mit einem Aufgehen im Anderen einher, dieses bleibt fremd und undurchdringlich und der Ich-Erzähler bleibt bis auf wenige Ausnahmen ein außenstehender, wenn auch ein sensibler Beobachter.
Das zweite große Motiv ist die Konfrontation mit der Zeit. Zum einen fühlt der Ich-Erzähler seine westliche Arroganz, wenn er realisiert, wie wenig er über die Geschichte der östlichen Welt weiß. Aber wichtiger ist vielleicht das Gefühl, die Vergangenheit werde lebendig, er könne sie fühlen, sie schmecken oder auch von ihr aufgesogen werden. Entsteht dieses Gefühl hauptsächlich bei der Betrachtung der jahrtausendalten Kunst, so sieht der Ich-Erzähler gelebte Vergangenheit, wenn er die (archaische) Lebensweise der Bevölkerung beobachtet. In solchen Momenten wird er von Sentimentalität und Heimweh überrannt: „[ik] dompel me onder in een manier van leven, waarvan de laatste schaduwen al eeuwen geleden uit mijn wereld zijn verdwenen“ (S. 136). Eine Sehnsucht zum Ursprünglichen und zur Natur ist deutlich spürbar. Aber der Erzähler ist auch Realist genug, um festzustellen, dass dieser Zustand nicht andauern wird.
Die Prosastücke zeugen alle von der Faszination, mit der der Ich-Erzähler der fremden, alten, exotischen Welt begegnet. Im Nachwort werden jedoch einige Klischees in der Darstellung offengelegt und hier liegt das Spannende an Nootebooms Buch: Der Leser beobachtet die Versuche des Erzählers, seine Vorurteile über Bord zu werfen und auf die eigene Relativität aufmerksam zu machen, was im später entstandenen Nachwort (2004) erneut relativiert wird. In diesem Nachwort werden u.a. Unterschiede zwischen den Religionen auf eine beinahe wissenschaftliche Weise, aber auch anhand von Reaktionen von Menschen analysiert, es wird ein Blick auf Moslems, die in der westlichen Gesellschaft leben, geworfen und betont, dass die Position des staunenden, beobachtenden Außenstehenden nicht mehr einzunehmen ist, da die veränderte politische Situation es kaum noch zuläßt, sich zu entziehen, sondern Stellungsname erfordert.
Nootebooms Aufzeichnungen sind nicht nur ein Reisebericht, der Eindrücke des geheimnisvollen, fremden Anderen wiedergibt, sondern sie regen zum Nachdenken über eben jene unbekannte Welt an, die der unseren immer näher rückt.
Anja Venjakob