Forschungsprojekte

Lukas Alex

Bevölkerung, Familie, Individuum: Wissensgeschichte der Humangenetik in der frühen Bundesrepublik 1949–1965

DFG-Projekt 2022-2024
© Archiv der Max-Planck-Gesellschaft

Das Anliegen der hier vorgeschlagenen Studie ist eine Geschichte der Produktion, Zirkulation und Rezeption humangenetischen Wissens an der Scharnierstelle zwischen Diktatur und Demokratie. Sie untersucht die Geschichte der Humangenetik in der frühen Bundesrepublik mit Blick auf ihre Akteur*innen, die Systematisierung und Ordnung von Wissenschaft und Wissensbeständen, sowie die Repräsentation und Medialität humangenetischen Wissens. Den Ausgangspunkt der Analyse bildet die Frage nach dem Wandel der Begriffe „Bevölkerung“, „Familie“ und „Individuum“ als Leitkategorien humangenetischer Forschung und Beratung. So lassen sich Kontinuitäten und Transformationen humangenetischer Wissensbestände in einer Phase institutioneller und forschungspraktischer Reorganisation präzise bestimmen – ohne vorschnellen Kontinuitätshypothesen oder euphemistischer Neuanfangserzählungen aufzusitzen.

Im Blickfeld der Untersuchung stehen fünf humangenetische Forscher und die von ihnen geleiteten Institutionen: Otmar Freiherr von Verschuer (Münster), Hans Nachtsheim (Berlin), Fritz Lenz (Göttingen), Wolfgang Lehmann (Kiel), Karl Saller (München). Sie haben an entscheidender Stelle die Rassenforschung des Nationalsozialismus geprägt und konnten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Karrieren fortsetzen. Diese fünf Protagonisten standen in den 1950er Jahren den einzigen humangenetischen Forschungsstätten in der BRD vor und konnten damit, so ist zu vermuten, entscheidenden Einfluss auch auf die Restrukturierung und inhaltliche Ausrichtung der Disziplin nach 1945 nehmen.

Unter welchen Bedingungen wurde die NS-Leitwissenschaft der Rassenforschung nach 1945 zur gesellschaftlich akzeptierten Humangenetik? Woran wurde geforscht und vor allem: Inwiefern strebten die Akteur*innen eine Kontinuität oder Neuerung zu den Forschungspraktiken der „Rassenhygiene“ an? Wie gestaltete sich die Beziehung zu Politik und Gesellschaft und welche internationalen Kooperationen konnten nach 1945 aufrechterhalten werden?
Als thematischer Zugang wählen wir eine an Philipp Sarasin angelehnte Untersuchung der Akteure*innen, Systematisierung und Ordnung sowie Repräsentationsformen und Medialität humangenetischen Wissens. In den einzelnen Perspektiven verschränken sich ausgewählte Methoden der Zeitgeschichte, STS, Historischen Epistemologie, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, um der inhaltlichen Breite der Nachkriegs-Humangenetik analytisch gerecht zu werden. Zentrale Quellenbestände sind Nachlässe, Publikationen, Vorträge, (internationalen) Korrespondenzen und Instituts- sowie Forschungsakten der Protagonisten.

Den kranken Genen auf der Spur? Populationsgenetische Forschungspraktiken und das „Genetik-Register“ des Instituts für Humangenetik in Münster 1956–1986

Masterarbeit (abgeschlossen) - Resümé

Ansatz der Arbeit

Das Münsteraner „Genetik-Register“ wurde 1956 von Otmar Freiherr von Verschuer am Institut für Humangenetik in Münster initiiert. Zwischen 1957 und 1967 ließ er geschulte Mitarbeiterinnen vier Millionen Akten regionaler Krankenhäuser und Gesundheitsämter auf genetische Krankheiten durchsuchen und solche personalisiert in sein Lochkarten-Register aufnehmen. Nach zehnjähriger Arbeit beinhaltete das Register Befunde, Diagnosen und Personendaten von über 60.000 vermeintlich genetisch kranken Personen.

Während der Etablierungskontext des Registers bisher in wissenschaftshistorischen Arbeiten thematisiert wurde, fand die humangenetische Forschung mit den registrierten Daten und Personen bis dato keine historische Aufarbeitung. Weiterhin besteht ein zeitgenössischen Narrativ, das dem Register aus methodologischen Gründen jeglichen Nutzen als Forschungsinstrument abspricht und als gescheitert erklärt. Um dieser Annahme wissenschaftshistorisch nachzugehen, formuliert die Arbeit folgende Leitfrage: Welchem praktischen und epistemischen Wandel unterlag die humangenetische Forschung auf materieller Grundlage des „Genetik-Registers“ in Münster zwischen 1956 und 1986 und in welchem wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Kontext vollzog sich dieser? Dabei zeigt sich schnell, wie wandelbar die Forschungsgegenstände bzw. „Wissensobjekte“[1] der Humangenetiker bis zur Archivierung des Registers 1986 waren. Die forschungsleitende Ausgangshypothese der Arbeit ist, dass im Münsteraner Institut ein Aushandlungsprozess zwischen der übergreifenden Dynamik von Diskursen und historischen Prozessen und der lokalen Statik von Materialität und individuellen Forschungsinteressen stattgefunden haben muss.

Um diesem Aushandlungsprozess Transparenz zu verleihen, wird auf einer Mikroebene danach gefragt, was die Rahmenbedingungen lokaler Forschungsprozesse ausmachte und wie die Materialität des Registers die wandelbaren „Wissensobjekte“ beeinflusste. Durch eine Makroebene kann die Entwicklungen in einen übergeordneten gesellschaftspolitischen und fachlichen Diskurs eingeordnet werden. Der Quellenkorpus setzt sich aus dem digitalisierten Nachlass Verschuers, den Sach- und Personalakten des Instituts sowie den wissenschaftlichen Publikationen der Forschungsergebnisse zusammen. Die Förderakten der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Verschuers Korrespondenz mit dem Humangenetiker Wolfgang Lehmann ermöglichen einen Einblick in die Probleme der Forschung.

Etablierung des „Genetik-Registers“

Nach einer Skizze der Institutsgeschichte unter den Direktoren Otmar von Verschuer (1951–1964) und Widukind Lenz (1964–1985) in materiell-räumlicher und personell-praktischer Dimension, wird im ersten Hauptteil der Arbeit die Etablierung des „Genetik-Registers“ zwischen 1957 und 1967 analysiert. Während das Problem der Mutationsratenbestimmung so alt ist wie die formale Genetik selbst, erhält es im „Atomzeitalter“ der 1950er Jahre eine neue Dringlichkeit. Eine von der Weltgesundheitsorganisation einberufene internationale Studiengruppe aus Humangenetikern und Radiologen postuliert 1956 den Anstieg krankhafter Mutationen durch ionisierte Strahlung. Die Wissenschaftler spielten die wirtschaftlichen Interessen der Politik an der Atomenergie gegen die Förderung eigener Forschungsinteressen aus. Verschuer, der dieser Studiengruppe angehörte, wurde anschließend zum deutschsprachigen Multiplikator dieses „genetischen Bedrohungsszenarios“[2] und ging mit dem zeitgleich gegründeten Bundesministerium für Atomfragen einen Ressourcenaustausch ein: Als Gegenzug für die Finanzierung seiner Forschung in Millionenhöhe ermöglichte er mit seinen Forschungsergebnissen, die gesellschaftliche Akzeptanz der neuen Energiegewinnung zu erhöhen.[3] Von dem Register versprach sich Verschuer zudem, den seit Ende des NS-Staates bestehenden Mangel an Probandinnen und Probanden der Humangenetik zu lösen.

Die Liste aus circa zweihundert zu registrierenden Merkmalen war das Ergebnis einer Aushandlung von zeitgenössischem Forschungsstand mit den pragmatischen Überlegungen, das Register sowohl für die Mutationsratenbestimmung als auch als Material für die Familienforschung zu verwenden. Eine vom Verfasser durchgeführte historisch-praxeologische Untersuchung der Registrierungspraxis in der populationsgenetischen Forschungsabteilung veranschaulicht nicht nur die Transformationsprozesse der Daten von der Aktennotiz zur Lochkarte, sondern zeigt auch die vielfachen Probleme der Registratur auf: Die in den Krankenakten vorgefundenen Diagnosen waren unsicher und wurde im Rahmen der Registrierung nicht von Fachärzten, sondern von medizinisch angelernten Assistentinnen beurteilt. Außerdem stellte sich die Stichprobengröße nur für wenige Krankheiten als repräsentativ und das Material so als ungenügend dar.

Da in den nordatlantischen Wohlfahrtsstaaten und Diktaturen des 20. Jahrhunderts verschiedenste genetische Registertypen etabliert und ausgewertet wurden, formuliert der Verfasser die erste These, dass die Münsteraner Registerbemühungen eine lokale Adaption einer international verbreiteten Praxis des Registrierens und Forschens an stigmatisierten Bevölkerungsgruppen war. Durch eine betonte Medikalisierung und vorsichtige Rhetorik versuchte man sich von der Rassenhygiene abzulösen.

Forschungspraktiken mit dem Material des „Genetik-Registers“

Der zweite Hauptteil bestätigt die Ausgangsthese der Arbeit: Die Aushandlung von „Wissensobjekten“ der Registerforschung war ein vielschichtiger Prozess, der von der lokalen Statik des Personals, den Forschungsgegenständen und dem Material sowie der übergeordneten Dynamik fachlicher Diskurse und gesellschaftspolitischer Entwicklungen geprägt war.

Das wissenschaftlichen Personal mussten zur Mutationsratenbestimmung sämtliche Merkmalsträgerinnen und Merkmalsträger aufsuchen, um klinisch-genetische Familienuntersuchungen durchzuführen und die erblichen von den mutativen Fällen der Krankheit genau zu unterscheiden. Letztlich blieben die geschätzten Mutationsraten auf Grund der vielen Unsicherheitsfaktoren derart ungenau, dass vor allem der klinische Nutzen der Untersuchungen erblicher Krankheiten in den Studien hervorgehoben wurde. Ein steigender Trend der Mutationen konnte zu dieser Zeit weder in Münster noch in bundesweiten Erhebungen anderer Forscher nachgewiesen werden.

Die Probleme des erhobenen Materials – niedrige Diagnosesicherheit und geringe Stichprobengröße – fielen Anfang der 1960er Jahre mit einem gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Interesse an angeborenen Missbildungen zusammen. Es waren laut Verschuer nun nicht mehr die Mutationen, sondern die Fehlbildungen, deren Zahl vermeintlich stieg und somit eine Bedrohung für die genetische Gesundheit zukünftiger Generationen darstellte. Diesem neuen „Wissensobjekt“ wurde vom Leiter des Registers, Wilhelm Tünte, in einer statistischen Arbeit über die Häufigkeit angeborener Fehlbildungen nachgegangen. Es zeigt sich, dass das Register die idealen Voraussetzungen für eine solche Untersuchung von wenigen, aber dafür häufig registrierten Fehlbildungen bot. Die drängende Frage nach dem genetischen Anteil an körperlichen Behinderungen und, ob deren Anteil in der Bevölkerung anstieg, konnte Tünte allerdings nicht klären.

Das populationsgenetische Forschungsprogramm zur Häufigkeit angeborener Fehlbildungen und deren zeitlicher Veränderung erschien ab 1971 in einem neuen Gewand, indem es um eine soziologische Perspektive auf Behinderung erweitert und die sozialwissenschaftliche Methode des quantitativen Leitfadeninterviews angewendet wurde. Unter dem Label der „Sozialgenetik“[4] sollte den Wechselwirkungen zwischen Gen-Pool und Gesellschaft nachgegangen werden. So diente das Forschungskonzept im humangenetischen Diskurs dazu, eugenische Gesellschaftsdiagnosen wieder salonfähig zu machen, und ermöglichte überhaupt die Finanzierung der Interviewreihe mit im Register aufgenommenen Personen mit angeborenen Fehlbildungen und einer Kontrollgruppe. Den Forschenden in Münster gelang es aber nicht, die soziologische Perspektive mit der humangenetischen gewinnbringend zu verbinden. Aus den Interviewdaten wurde vielmehr eine Bereitschaft zur Verhütung von Missbildungs- und Behinderungsformen herausgedeutet. Der Verfasser schlussfolgert, dass die Forschenden hier ihren eigenen Bedarf zur gerade aufkommenden humangenetischen Beratung schufen.

Als dritte These wird formuliert, dass kein „Wissensobjekt“ sich in dem „Experimentalsystem“[5] aus Register, Population und Nachuntersuchungen stabilisieren konnte. Die Münsteraner Registerforschung leistete keinen relevanten Beitrag zur immer stärker molekularbiologisch orientierten humangenetischen Forschung. Stattdessen wurden weitere Registrierungen und intensivere Forschung auf dem Gebiet der Populationsgenetik gefordert. Der unbequeme Weg auf den Spuren „gescheiterter“ Forschungspraxis hat sich, so der Verfasser, dennoch gelohnt: Am Beispiel Verschuer zeigte sich der massive Einfluss ehemaliger Rassenhygieniker auf Forschungspraktiken der 1960er und 1970er Jahre als ein bedeutendes Kontinuitätselement, welches noch heute allzu oft von Fachvertretern verkannt wird.


[1] Hans-Jörg Rheinberger: Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas, Göttingen 2001, S. 26.
[2] Alexander von Schwerin: Humangenetik im Atomzeitalter. Von der Mutationsforschung zum genetischen Bevölkerungsregister, in: Anne Cottebrune und Wolfgang U. Eckart (Hg.): Das Heidelberger Institut für Humangenetik. Vorgeschichte und Ausbau 1962–2012. Festschrift zum 50jährigen Jubiläum, Institut für Humangenetik der Universität Heidelberg, Heidelberg 2012, S. 82–105, hier: S. 89.
[3] Zu diesem Schluss kam erstmals Hans-Peter Kröner: Förderung der Genetik und Humangenetik in der Bundesrepublik durch das Ministerium für Atomfragen in den fünfziger Jahren, in: Katrin Weisemann, Hans-Peter Kröner und Richard Toellner (Hg.): Wissenschaft und Politik. Humangenetik in der DDR 1949–1989, Münster 1997, S. 69–82, hier S. 70.
[4] Peter Emil Becker, Hans Wilhelm Jürgens: Sozialgenetik – ein Programm, in: Georg Gerhard Wendt und Helmut Baitsch (Hg.): Genetik und Gesellschaft. Marburger Forum Philippinum (Juni 1969), Stuttgart 1970, S. 10–27.
[5] Hans-Jörg Rheinberger: Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas, Göttingen 2001, S. 26.