Forschungsprojekte

Florian Steinfals

Die Genese deutscher Kriegsverbrechen an der polnischen Zivilbevölkerung 1939. Eine Referenzrahmenanalyse [Dissertationsprojekt, Arbeitstitel]

Bereits in den ersten Tagen nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht in Polen kam es zu zahlreichen Exekutionen polnischer Zivilist:innen. Das Projekt untersucht, welche Faktoren für dieses Geschehen ausschlaggebend waren. Der Zugang ist dabei sowohl soziologisch als auch militärgeschichtlich gewählt. So liegt ein Schwerpunkt der Arbeit auf der antipolnischen sowie der kriegsvorbereitenden Propaganda in den letzten Monaten vor Kriegsausbruch. Anhand einer umfassenden Feldpostanalyse wird die Rezeption und damit die Wirksamkeit dieser Propaganda überprüft. Ein Vergleich des soziokulturellen Hintergrunds und der Generationszugehörigkeit der Briefeschreiber:innen soll dabei weitere Diversifizierungen ermöglichen. Ein weiteres Hauptaugenmerk des Projekts liegt auf der Wehrmacht und ihren Strukturen. Im Vordergrund stehen die Ausbildung der Offiziere und die sogenannte Auftragstaktik, die wesentlich für die Entscheidungsfindung während des Kampfgeschehens war. Die Truppführer, denen aufgrund dessen eine wesentliche Verantwortung zukam, werden anhand biographischer Daten miteinander verglichen. Dieser Vergleich fußt auf der Frage, ob Akteure mit ähnlichen Lebensläufen auch in ihren Deutungs- und Handlungsmustern Parallelen aufwiesen.

Neben den Feldpostbriefen und Zeitungen des Jahrgangs 1939 wird ein wesentlicher Teil des Quellenkorpus durch die Erfahrungsberichte der Wehrmacht gebildet. Diese internen „Evaluationen“ sollten unmittelbar nach Beendigung des Krieges gegen Polen verfasst werden und die Erfahrungen der einzelnen Einheiten von Bataillonsebene aufwärts sammeln. Der Wert dieser Berichte erklärt sich weniger – aber auch – durch ihren Umfang, sondern vielmehr durch ihre überraschende Offenheit und regelrechte Kritikfreude. In der Regel frei vom propagandistischen Duktus der Kriegsberichtserstattung bewerten Kommandeure die ihnen unterstellten Einheiten hinsichtlich ihres Verhaltens, ihrer Ausbildung und Bewaffnung. Darüber hinaus wird ersichtlich, welches Selbstverständnis die einzelnen Einheiten prägte und inwiefern sie sich von anderen unterschieden.

Mit diesem Ansatz wird aufgezeigt, dass die Wehrmacht nicht als monolithischer Block und homogene Gruppe verstanden werden kann. Individuelle Dispositionen, Ausbildungswege und Sozialisationen treten durch die einzelnen Teilanalysen hervor und lassen Deutungs- und Handlungsmuster einzelner Akteure erkennen.