Tobias Meyer-Zurwelle, M.A.


Tobias Meyer-Zurwelle, M.A.

 

Kontakt:

t_meye10@uni-muenster.de

Dissertationsprojekt:

Verräter oder Freiheitshelden? Die Estnische Legion der Waffen-SS

Als Estland im Jahr 1991 die Unabhängigkeit von Russland erlangte, war dies auch der Beginn einer öffentlichen Erinnerung an die estnische Vergangenheit, die vor der Epoche des Kalten Krieges lag. Dies kam unter anderem durch die Errichtung von Denkmälern zum Ausdruck. Ein besonderes Augenmerk fiel dabei auf ein Denkmal, das erstmals im Jahr 2001 enthüllt wurde. Hier wurde an die Kämpfer erinnert, die von „...1941-1944 gegen den Bolschewismus gekämpft hatten...“. Es wurde für die Erinnerung an die estnischen Männer eingerichtet, die im Rahmen der Estnischen Legion, der späteren 20. Waffen-Grenadier-Division der SS, unter deutschem Befehl gegen die Rote Armee gekämpft hatten. Das Denkmal wurde mehrfach abgebaut und erneut errichtet und fand 2006 einen Platz auf dem Gelände des Museums für den Estnischen
Freiheitskampf in Lagedi, relativ unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit. Dieses Denkmal war und ist nicht das einzige Monument, dass an die Kämpfe aus dieser Zeit erinnert. Weitere Denkmäler erinnern an lokale Schlachten wie z.B. am Sinnimed-Hügel (Blauer Hügel) nahe Narva oder an den Ufern des Peipus-Sees. Diese Erinnerung an eine ehemalige Division der Waffen-SS erscheint aus westeuropäischer Perspektive irritierend, da die Waffen-SS im Verlauf des Nürnberger Prozesses als verbrecherische Organisation verurteilt wurde. Trotz der internationalen Kritik war das Denkmal von Lagedi durchaus populär für die Bevölkerung, wie die Protesten der estnischen Bevölkerung 2004 gegen Abbau des Denkmals in Lihula zeigte.
Was sind die Hintergründe, die dazu geführt haben, dass sich in Estland eine derart konträre „Erinnerungskultur“ im Bezug auf die Waffen-SS im Gegensatz zur westeuropäischen Sichtweise entwickeln sollte? Basierend auf dieser Ausgangsfrage werden vor allem Denkmäler zur Erinnerung an die Legion und ihre Schlachten in meinem Dissertationsprojekt untersucht. Sie symbolisieren im öffentlichen Raum, für alle sichtbar, die Erinnerung an die Kämpfe gegen die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg und im speziellen an die Estnische SS-Legion. Die Untersuchung wird daher u.a. folgende Aspekte in den Blick nehmen: die Finanzträger, die Anlässe für die Errichtung der einzelnen Denkmäler und auch die Initiatoren für ihre Errichtungen. Dazu soll auch nach den Reaktionen innerhalb und außerhalb Estlands gefragt werden, wobei hierbei die russischen Minderheit in Estland besonders aufmerksam betrachtet werden soll.
Als weiterer Untersuchungsgegenstand wird die Rezeption der Legion in der estnischen Literatur in Augenschein genommen. Hierfür werden Zeitungen, Memoiren und nach Möglichkeit Samisztad-Literatur untersucht werden.
Es ist das Ziel dieser Dissertation am Beispiel der Erinnerung an die Estnische Legion einen Beitrag zur Entwicklung und Änderung der estnischen und osteuropäischen Erinnerungsgeschichte des Zweiten Weltkrieges im Kontext der neue nationalen Identitätsbildung nach der Unabhängigkeit der baltischen Staaten im Jahre 1991 zu leisten.