Peter Römer, M.A.


Kontakt:

peter.roemer@uni-muenster.de

Lebenslauf:

Peter Römer, geboren 1984, studierte Politikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte und Öffentliches Recht in Münster und Warschau. Er erlangte Anfang 2010 seinen Magisterabschluss mit einer Arbeit über die Geschichtspolitik der polnischen Partei „Recht und Gerechtigkeit.“ Seit Januar 2011 wird er für sein Vorhaben durch ein Promotionsstipendium der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert. Er arbeitet nebenbei als Tutor für Softwareschulungen am Zentrum für Informationsverarbeitung der Uni Münster. Veröffentlichungen u.a. bei h-soz-kult und in der Zeitschrift „Osteuropa“.

Dissertationsprojekt:

Nach dem Staatssozialismus. Die Geschichtspolitik der Deutungseliten in Deutschland und Polen, 1989–2009. Ein beziehungsgeschichtlicher Diktaturaufarbeitungsvergleich (Arbeitstitel)

Eine schwierige Aufgabe lag nach der Zäsur von 1989/90 vor Deutschland und Polen: Beide Staaten mussten Wege finden, um mit den Hinterlassenschaften des staatssozialistischen Vorgängerregimes umzugehen. Die politischen Akteure beider Länder wählten zunächst unterschiedliche Lösungsansätze. Ausgehend von der Bürgerrechtsbewegung ist früh mit der Aufarbeitung der DDR begonnen worden. Die volksrepublikanische Vergangenheit wurde in den ersten Jahren der Dritten Republik Polens hingegen ruhen gelassen. Beide Staaten glichen sich jedoch in ihrer Vorgehensweise, beeinflusst von Wechselwirkungen, immer mehr an. Wichtige polnische Politiker betonten den Vorbildcharakter deutscher Aufarbeitungsmethoden und begründeten damit eigene Schritte. So orientierte sich die Mitte-Rechts-Regierung 1998 bei der Implementierung des „Instituts für nationales Gedenken“ an den Aufgaben der „Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen“. Dies ist ein Beispiel dafür, dass wichtige Dynamiken der Aufarbeitung nicht ohne das Wirken des Nachbarn erklärt werden können. Ich betrachte die Aufarbeitungsprozesse in Deutschland und Polen zwischen 1989 und 2009 daher beziehungsgeschichtlich, also in Abhängigkeit zueinander. Ich konzentriere mich auf die Debatten der bestimmenden Akteure, die Deutungseliten der Vergangenheit. Die Aushandlungen entscheidender Wegmarken der Aufarbeitung beider Länder werden verglichen, aber auch als gemeinsamer Prozess verstanden, indem auf Verweise und Verflechtungen geachtet wird.
Die Darstellung erfolgt vornehmlich anhand der Aufarbeitungen des Staatssozialismus. Die parallel fortlaufende NS-Aufarbeitung wird jedoch mit reflektiert. Sie bot den Deutungseliten Orientierung für die DDR-Aufarbeitung, die zudem oft nicht von Fragen der NS-Aufarbeitung zu trennen ist. Die deutsch-polnische Erinnerung ist ferner von deutschen Verbrechen an Polen während des Zweiten Weltkriegs geprägt. Die Aufarbeitung dieser Taten bildete so auch für polnische Deutungseliten einen Bezugspunkt. Daher werden Debatten mit einbezogen, die in der NS-Aufarbeitung wurzeln. Die ausgewählten Diskurse werden in den Kontext der erinnerungskulturellen Entwicklung gestellt. Die Erinnerungskultur einer Gesellschaft bietet Politikern Orientierung und Grenzen für den Umgang mit Vergangenheit. Sie zu beeinflussen ist ein Ziel von Geschichtspolitik. Daher wird analysiert, was über die Vergangenheit vor und nach den jeweiligen Aufarbeitungsdebatten als sagbar galt. Auf diese Weise kann dargestellt werden, wie die Deutungseliten die erinnerungskulturelle Konstellation in den Aufarbeitungsprozessen verarbeiteten und möglicherweise neu beeinflussten.
Ein Beispiel für die Neubeeinflussung nationaler Erinnerungskultur sind die Enquetekommissionen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie waren von einem antitotalitären Konsens geprägt, auf dessen Grundlage Vergleiche von 3. Reich und DDR wieder akzeptiert worden sind. Während diese Beeinflussung der Sagbarkeitsregeln über die Vergangenheit vornehmlich nationale Bedeutung hatte, besaßen andere Aufarbeitungsvorgänge stärkere Außenwirkung. So versuchte die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) in Regierungsverantwortung den zunehmend selbstkritischen polnischen Geschichtsdiskurs zu beeinflussen. Sie wandte sich sowohl gegen Bestrebungen liberaler Deutungseliten, eigene Täterschaft stärker zu erörtern, wie auch gegen deutsche Pläne eines „Zentrums gegen Vertreibungen“. Ihrer Vergangenheitsinterpretation zufolge fielen die Vertreibungen nach 1945 aus der polnischen Verantwortung hinaus, da hierbei Kommunisten initiativ wirkten. Die Partei verband so die nationale Aufarbeitung des Staatssozialismus mit der binationale Debatte um Vertreibungen.
Als eines von vielen Beispielen zeigt sich an der Politik der PiS, dass die Verarbeitung eigener Diktaturerfahrungen über einen nationalen Rahmen hinaus wirkt. Die Wechselwirkung zwischen Aufarbeitung und Erinnerungskultur lässt sich also nur in einem transnationalen Rahmen in vollem Umfang erfassen. Dieses Vorgehen ermöglicht es, eine Zwischenbilanz der geschichtspolitischen und erinnerungskulturellen Konstellation in und zwischen beiden Ländern nach zwanzig Jahren der Aufarbeitung des Staatssozialismus zu ziehen.