Lukas Bartholomei, M.A.


Kontakt:

L_bart04@uni-muenster.de

Lebenslauf:

Lukas Bartholomei, geboren 1987, studierte Geschichte und Geographie an der Universität Münster. In seiner Masterarbeit beschäftigte er sich mit dem Mythos der ‚sauberen Wehrmacht‘ im westdeutschen Spielfilm. Zurzeit ist er als Verlagslektor tätig.

Dissertationsprojekt:

Schuld im Spielfilm über den Nationalsozialismus in Ost und West

Ob Schindlers Liste, Der Pianist oder Der Untergang – Filme über den Nationalsozialismus erfahren seit der Wiedervereinigung in den 1990er Jahren in Deutschland in Kino und Fernsehen eine derart große Popularität, dass Kritiker und Wissenschaftler von einem „Boom“ sprechen. Die Überwindung der deutschen Teilung und der Mächtekonstellation des Kalten Krieges scheinen den Deutschen ein neues Nationalbewusstsein und damit auch ein neues Geschichtsbewusstsein verschafft zu haben, sodass die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit der 1930er und 40er Jahre jetzt leichter zu fallen scheint oder zumindest häufiger angegangen wird. Diese neue Präsenz des Nationalsozialismus im Film ist jedoch nur der Endpunkt einer langjährigen Entwicklung der NS-Darstellungen im Film in den deutschen Kinos. Seit Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns von 1946 sind in den beiden deutschen Staaten unzählige Filme über die Zeit des Nationalsozialismus entstanden.
Diese Untersuchung soll einen wichtigen Aspekt der Umsetzung zeitgenössischer Sichtweisen im Film beleuchten – den Aspekt der Schuld. Denn die meisten Spielfilme über den Nationalsozialismus beziehen zwangsläufig in irgendeiner Form Stellung zu der Schuldfrage, deren Argumente, Thesen und Schuldzuschreibungen in der deutschen Gesellschaft seit 1945 allgegenwärtig sind. Von der Annahme einer ‚Kollektivschuld‘ bis zur Verleugnung jeglicher Verantwortung für die Zeit des Nationalsozialismus war der Schulddiskurs von 1945 bis 1990 insbesondere in Westdeutschland von vielen Facetten eines breiten Spektrums an Behauptungen und Thesen geprägt, die eng mit dem jeweiligen zeitgenössischen Umgang mit dem Nationalsozialismus verknüpft sind. Besonders häufig wurde der Diskurs von Teilnehmern geprägt, die jegliche Verantwortung am Nationalsozialismus der eigenen Person, aber auch der breiten Volksmasse verleugneten und die Schuld nur auf wenige politische Führungsträger schoben. In der DDR war der Diskurs um die Schuld wegen der Einförmigkeit des staatlichen Geschichtsbilds weniger vielfältig, doch lassen sich vor allem im ersten Jahrzehnt und dann wieder in den frühen 70er Jahren innerparteiliche Streitigkeiten um die Definition von ‚Tätern‘ und ‚Opfern‘ der NS-Verbrechen feststellen.
Kinofilme sind als das Produkt einer Vielzahl von Personen und Einflüssen Teil dieses Schulddiskurses. Auf verschiedene Art und Weise, mit dramaturgischen und ästhetischen Mitteln, beziehen auch Spielfilme als Endprodukt Stellung zu der Schuldfrage und werden so zu einer mentalitätsgeschichtlichen Quelle. In dieser Untersuchung soll im Vergleich zur ‚Realgeschichte‘ festgestellt werden, inwiefern sich der jeweilige zeitgenössische Schulddiskurs in Spielfilmen niederschlägt oder inwieweit Spielfilme den Diskurs vielleicht sogar variieren und weiterentwickeln.
Wie wird in Filmen der zeitgenössische Schulddiskurs umgesetzt? Schlägt sich die jeweilige Sichtweise auf die Schuldfrage im Film nieder oder werden im Film andere Wege gesucht, mit der Schuld umzugehen? Ist die Darstellung in einem Film vielleicht ‚der Zeit voraus‘ oder werden Darstellungsmuster geboten, die in der Gesellschaft schon längst nicht mehr ‚aktuell‘ sind? Welche Entschuldungsmuster und Schuldzuweisungen werden im Film präsentiert? Ziel dieser Arbeit ist es, diese Kernfragen zu beantworten.
Darüber hinaus sollen Filme aus DDR und Bundesrepublik aber auch explizit miteinander verglichen werden. Nehmen die Filme beider Staaten in ähnlicher Weise Bezug auf den jeweiligen zeitgenössischen Schulddiskurs? Gleichen sich sogar die sonst so verschiedenen Filme aus Ost und West in Bezug auf die Schuldfrage? Finden Ost- und Westfilme verschiedene ‚Schuldige‘ und ‚Unschuldige‘ oder gibt es sogar markante Parallelen – ein gesamtdeutsches ‚Entschuldungsmuster‘? Träfen letztere Vermutungen zu, würde dies den bisherigen Darstellungen der filmischen deutsch-deutschen Gegensätze in der Forschung widersprechen.