Lara Niemer


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Dissertationsprojekt:

Juden und Nicht-Juden in der deutsch-jüdischen Presse nach Auschwitz. Eine historische Analyse 1946–1989

Ziel des Dissertationsprojektes ist es, mit der Analyse eines zentralen Mediums deutsch-jüdischer Öffentlichkeit einen Beitrag zur Spezifizierung des Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden nach Auschwitz zu leisten. Am Material der Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland [künftig abgekürzt: AWJD] sollen Aspekte, wie die Konstruktion jüdischer Identität durch Juden und Nichtjuden sowie die öffentliche Darstellung der Beziehung zueinander im Zeitverlauf von 1945 bis 1989 untersucht werden. Gleichzeitig sollen diese Bilder und Wissensbestände in dem jeweils aktuell-zeithistorischen Kontext sowie in den jeweils vorherrschenden Diskursen verortet werden.
Im Zentrum des Forschungsinteresses stehen Struktur und Dynamik der öffentlichen Deliberation zu jüdischer Identität/ Selbstrepräsentation in Deutschland in der Auseinandersetzung mit ihrer nichtjüdischen Umwelt und deren Identitäts- resp. Vergangenheitsdiskurs in den in Deutschland erscheinenden jüdischen Printmedien.  
Die Leitfragen an das Material lassen sich in drei Komplexe unterteilen: Zunächst werden Fragen nach Identitätskonstruktionsmustern und deren Figuration gestellt: Welche Inhalte werden vermittelt und auf welche Art figurieren Fremd- und Selbstbilder? An welchen Themen (z.B. Beziehung zu Israel, Beziehung zu Deutschland) vollzog sich die Identitätskonstruktion jeweils?
In einem weiteren Komplex werden Fragen gestellt, die auf die Interdependenz jüdischer und nicht-jüdischer Identitätskonstruktion – vor allem auf der Folie der Vergangenheitsdeutung - zielen: Welche Elemente des Vergangenheitsdiskurses der Mehrheit werden von den jüdischen Journalisten übernommen, welche transformiert oder gar abgelehnt? Inwiefern stand die Veränderung der Selbstdarstellung von Juden in Deutschland in Verbindung mit Veränderungen im deutschen Selbstverständnis? Wie entwickelte sich im Laufe der untersuchten Zeitspanne der Blick der jüdischen Journalisten auf das Land, in dem sie lebten und auf die jüdische Minderheit ? Was sagt der politische Diskurs der jüdischen Journalisten über ihr Selbstbewusstsein als deutsche Staatsbürger und Juden und somit über ihre Integration in die Mehrheitsgesellschaft aus? Inwieweit sind in der Selbstdarstellung nichtjüdischer Autoren (Interviews und Glückwünsche zum jüdischen Neujahr) explizite und implizite (antisemitische Mentalitätsbestände) – auch in ihrer Figuration als philosemitische Stereotype – zu beobachten? Wird etwa auch bei positiven Darstellungen auf tradierte Klischees zurückgegriffen, die in neuer Konnotation auftreten (sprachliche Transformationsprozesse)?
Daran an schließt die Frage nach der Wahrnehmung von Phasen bzw. Umbrüchen im bundesrepublikanischen Identitätsdiskurs durch in Deutschland lebende Juden, sowie die Frage nach der Kongruenz von Modifikationen im nichtjüdischen Identitäts- resp. Vergangenheitsdiskurs und Veränderungen in der deutsch-jüdischen Selbstwahrnehmung: Wann sind – wenn überhaupt – Veränderungen in der Wahrnehmung der nichtjüdischen Umwelt eingetreten? Korrespondieren diese Wahrnehmungen mit einer veränderten Selbstdarstellung?
Schließlich kann anhand des Materials der Frage nach der Formation eines Teils der jüdischen Öffentlichkeit in Deutschland nachgegangen werden. In der komparativen Zusammenschau der Darstellung gleicher Themen in unterschiedlichen deutsch-jüdischen Medien wird eine breite Wahrnehmung deutsch-jüdischer Außendarstellung ermöglicht: In welchem Medium wurde wie über das gleiche Thema berichtet?
Das Projekt ordnet sich mit Fragen und Material in die Forschungen auf dem Gebiet der Geschichte der Juden in Deutschland, in die deutsch-jüdische Pressegeschichte sowie in den Kontext von Untersuchungen zur Geschichte der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nach 1945 ein.