Josephine von Weyhe


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Dissertationsprojekt:

Franz Graf von Galen: Ein katholischer Politiker

Im Fokus des Dissertationsprojektes „Franz Graf von Galen: ein katholischer Politiker“ steht der Zusammenhang zwischen Politik und Katholizismus im konkreten Fall des Franz von Galen. Die forschungsleitende Frage ist: Welchen Einfluss hatte die katholische Glaubenslehre auf die politische Gesinnung Galens? Gleichzeitig soll nach dem Einfluss der Politik auf den Glauben und die Beziehung zur Kirche bei Galen gefragt werden. Das Projekt strebt an, im Rahmen eines konkreten Falls Antworten darauf zu geben, wie politischer Katholizismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt werden konnte.

Das Leben Franz von Galens (1879 geboren in Dinklage, 1961 gestorben in Darfeld) überspannte einen Zeitraum, der in der Kaiserzeit und dem Kulturkampf seinen Ausgangspunkt fand, 2 Weltkriege, die Weimarer Republik, ihr Scheitern und den anschließenden Nationalsozialismus überdauerte und schließlich nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland während der innerdeutschen Teilung zu Ende ging. Galen entstammte einer der ältesten westfälischen Adelsfamilien, die zum einen sehr konservativ strukturiert, zum anderen traditionell politisch engagiert war. Grundlegendes Prinzip für die politische Einstellung der Familie war die Loyalität gegenüber der Regierung, losgelöst von der Einstellung zur jeweiligen Staatsform. Aus diesem Anspruch heraus engagierte sich Galen sowohl in der Weimarer Republik als auch später in der Bundesrepublik Deutschland, obgleich er die monarchistische Staatsform für die bessere hielt. Darüber hinaus war die Familie von einer sehr katholischen Tradition geprägt: Die Glaubenslehre der katholischen Kirche wurde zum Maßstab für Galens Haltung und Handlung, im Bezug sowohl auf sein politisches, gesellschaftliches wie kulturelles Engagement als auch auf sein Privatleben. Im Hinblick auf die Parteienlandschaft hielt er daher die Zentrumspartei – und ab 1945 die CDU – für die einzige Partei, die die Interessen der katholischen Kirche und der Christen vertrat; durch das gemeinsame Engagement aller Katholiken in der Zentrumspartei hätte eine „katholisch-konservative Einheitsfront“ gebildet werden können. Gleichwohl folgte er der Parteilinie nicht übereilt und kopflos; maßgeblich für jede Entscheidung musste das Gewissen sein. Am deutlichsten wurde dies im Mai 1933, als er als preußischer Abgeordneter wegen des Ermächtigungsgesetztes im Konflikt zwischen der Fraktionsdisziplin einerseits und seinem Gewissen andererseits stand. Um weder der Fraktion zu schaden, noch wider seinem Gewissen zu handeln, legte er sein Mandat im preußischen Landtag noch vor der Abstimmung nieder. Auch relevant im Hinblick auf die forschungsleitende Fragestellung erscheint die Zuwendung des ehemals so überzeugten Zentrumpolitikers hin zur CDU im Jahr 1946. Zudem soll anhand der politischen Ausgangsposition des Katholizismus untersucht werden, welche Forderungen Galen an die Kirche stellte.
Im Hinblick auf Galens politische Teilhabe soll auch die Zeit des Nationalsozialismus betrachtet werden. Auch wenn er sich nach 1933 aus der Politik zurückgezogen hat, so erscheint es dennoch interessant, wie seine Position gegenüber dem Nationalsozialismus war. Hinweise geben seine Inhaftierung im August 1944 und die anschließende Internierung im Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach bisherigen Forschungen bestand jedoch keine Nähe zum Widerstand vom 20. Juli. Das Attentat war vielmehr reiner Auslöser für eine umfassende Verhaftungswelle von Politikern aus der Weimarer Republik, der auch Franz von Galen als Zentrumspolitiker zum Opfer fiel. Als möglicher Grund für die Inhaftierung bleibt auch die Beziehung zum regimefeindlichen Bruder, dem Bischof Clemens August. Es lässt sich vermuten, dass man auf diese Weise den durch Popularität und die katholische Kirche geschützten Bruder treffen wollte.

Generell ist auch die Erforschung Galens als jüngerem Bruder des Kardinals Clemens August von Galen interessant. Die beiden Brüder verband ein inniges Vertrauensverhältnis, das sich in Aussprachen und Briefwechseln zu den Themen der Zeit ausdrückte. Kardinal Galen bezeichnete seinen Bruder als seinen „treuesten Gefährten und besten Freund“. Für die Kardinal Galen – Forschung bietet die Erforschung Galens daher einen ergänzenden Zugang.
Die Person Franz Graf von Galen wurde von der bisherigen Forschung kaum beachtet. Meist wird er als Zugang zu seinem älteren Bruder, dem Kardinal, instrumentalisiert oder im Zusammenhang mit dem Ermächtigungsgesetz bzw. der Gründung der CDU erwähnt. Ein umfassendes, biografisches Werk bietet sich jedoch aufgrund des umfangreichen Nachlasses an.

Das Promotionsvorhaben will sich dem politischen Katholizismus über einen Einzelfall nähern. Mit Hilfe der Konkretisierung auf Franz von Galen sollen bestimmte regionale und kulturhistorische Entwicklungen dieses Wissenschaftsbereiches verdeutlicht werden. Da die Biographie diesem Anspruch gerecht werden kann, rückt sie als methodisches Mittel ins Blickfeld: Diese Form der spezifisch personalen Einsicht in historische Kontinuitäten bietet einen nicht zu unterschätzenden Vorzug. Eine weitere Leistung der Biographie besteht darin, dass sonst getrennt erforschte Wissenschaftsbereiche hier ausgerichtet auf das einzelne Individuum zusammengeführt werden. Hieraus ergibt sich für das Promotionsprojekt die Absicht einer chronologischen Beschreibung der Wahrnehmungen und Handlungen Galens in ihrer politischen Tragweite.