Christoph Michel


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Dissertationsprojekt:

„Vom Blauhemd zur Bluejeans?“ Transformationsprozesse im „roten“ Milieu am Beispiel der SJD-Die Falken zwischen Rhein und Ruhr in den 1960er Jahren

Spätestens seit den öffentlichen Debatten rund um das Jahr 1968, das aufgrund seiner Vielzahl von Ereignissen und Protesten wahlweise als „internationales Epochenjahr“, „Sturm im Wasserglas“  oder eher nüchtern als „Chiffre“ eingestuft wurde, widmen sich Historiker verstärkt den gesamtgesellschaftlichen Prozessen der jüngeren Zeitgeschichte. Einigkeit besteht inzwischen darin, dass Erklärungszusammenhänge für die Entstehung neuer Lebensstile und sozialer Bewegungen nicht erst mit der historischen Deutung dieses Jahres, sondern in umfangreichen Einordnungen zur Kultur-, Alltags- und Sozialgeschichte des gesamten Jahrzehnts gebildet werden können.
Während analog zu den außerparlamentarischen Protestbewegungen einsetzend mit der Debatte um die Wiederbewaffnung in der Bundesrepublik um 1955 mannigfaltige Studien zu gesellschaftlichen Neu- und Alternativkonzeptionen erschienen sind, fehlt es bislang an einer Aufarbeitung zum inneren Wandel der von Mario Rainer Lepsius für das Kaiserreich beschriebenen sozialmoralischen Milieus, die in abgewandelter Form an der Konstituierung der Nachkriegsgesellschaft beteiligt waren. Allen voran steht die Frage, in welcher Weise sich die Milieus mit dem Aufkommen von hedonistisch geprägten Lebensstilen und (sozial-)politisch geprägten neuen sozialen Bewegungen arrangierten bzw. mit welchen Mitteln versucht wurde, bewährte Strukturen zu erhalten. Und wie weit adaptierten umgekehrt die neuen sozialen Bewegungen – wie es Holger Nehring für die „Ostermarsch“-Bewegung konstatiert – traditionelle Elemente aus den Milieus, um sie mit den Lebensstilen und zeitgenössisch relevanten Inhalten der zumeist jüngeren Akteure zu einem bis dato unbekannten Zusammenschluss zu formieren?
Anhand einer mikrohistorischen und transdisziplinär angelegten Untersuchung am Beispiel der Sozialistischen Jugend Deutschlands-„Die Falken“ soll der Versuch unternommen werden, diesen Wandel für das sozialdemokratische Milieu durch ein Brennglas betrachtet nachzuzeichnen. Die Falken, die – in Tradition zur SAJ in der Weimarer Republik – als formal unabhängige Jugendorganisation im Vorfeld der SPD nach 1945 wiedergegründet wurden, dienen als Trägergruppe, die sich mitunter vor ihren etablierten parteipolitischen Pendants zu gesellschaftlichen Trends bekannte. Auch wenn sie personell und finanziell auf die Unterstützung der SPD bauen mussten, waren die Falken im Gegensatz zur offiziellen Parteijugend, den Jungsozialisten, stark mit der bundesrepublikanischen Protestgeschichte sowie mit den dort ebenfalls beteiligten kommunistischen und sozialistischen Organisationen abseits der engeren Parteistruktur verflochten.
Mittels einer räumlichen Eingrenzung auf die Bezirke Westliches Westfalen und Niederrhein, die in der von Herbert Wehner 1966 als „Herzkammer der Sozialdemokratie“ titulierten Ruhrgebietsregion liegen, sollen darüber hinaus Rückschlüsse auf die Bindekraft des Milieus gezogen werden. Kam es zwischen 1955 und 1975 zu einer Erosion im Milieu, die zu solch nachhaltigen Veränderungsprozessen führte, dass der ursprünglich eng mit der sozialen Herkunft verbundene „Milieu“-Begriff seine Erklärungskraft verliert? Oder kann insbesondere für die Falken im Ruhrgebiet das Milieu, wie es Bettina Joergens vorschlägt, in einem sozialräumlich gefassten Sinne umdefiniert werden?
Nach einer Einordnung der Falken in ihren gesellschaftlichen Kontext wird es daher erforderlich, auch die Anatomie des Jugendverbands empirisch zu bestimmen: Über die Auswertung von Verbandszeitschriften, internem Schriftverkehr und Egodokumenten sollen zunächst Selbst- und Leitbilder sowie der organisatorische Aufbau und die Mitgliederstruktur in ein Verhältnis zwischen verbandseigenem Anspruch und der tatsächlichen Wirkmächtigkeit im sozialdemokratischen Milieu gebracht werden. Sodann widme ich mich schwerpunktmäßig mit den Aktivitäten in den Bezirken, wobei sowohl das politische Engagement als auch die eher lebensweltlich orientierte Erziehungsarbeit skizziert werden. Das wechselvolle Verhältnis zur SPD erhält dabei ein besonderes Augenmerk. Die Untersuchung abschließen sollen retrospektive Erlebnisgeschichten von ausgewählten Zeitzeugen, um Aussagen zur Selbstreflexion der Akteure und zur Erschließung von größeren Zusammenhängen, die das Gemeinschaftsgefüge betreffen, zu ermöglichen.