Lehrangebot

Veranstaltungen Wintersemester 2018/2019

Einführung in die Literaturwissenschaft
Bachelor-Vorlesung, Mo, 16-18, S 10

(Nicht-)Wissen erzählen. Das Modell Vorgeschichte in der Literatur des 19. Jahrhunderts
In Kooperation mit Jutta Gerber

Master-Seminar, Mi, 14-16, VSH 17, Beginn: 10.10.2018

In der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts finden sich auffallend häufig eingeschobene Rückwendungen. Zumeist dienen sie der nachträglichen Erzählung eines Ereignisses, das vor Beginn der dargestellten Handlung, in Kindheit oder Familiengeschichte einer Figur, stattgefunden hat. Indem auf diese Weise ein kausaler Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart konstruiert wird, verbindet sich mit Form und Inhalt der Vorgeschichten ein Erklärungsanspruch für Unstimmigkeiten oder Irritationen in der erzählten Gegenwart. Tatsächlich erhalten die Protagonisten in manchen Fällen durch diese Nachträge einen wichtigen Verständnisschlüssel für ihre aktuellen Probleme. Logisch und ästhetisch interessanter wird es indes, wenn die Figuren die Vorgeschichten gar nicht deuten können und nur der Leser die entscheidenden Informationen zu verwerten vermag, und in manchen Texten gelingt sogar das nicht. Das Erzählmodell ‚Vorgeschichte‘ thematisiert folglich das prekäre Verhältnis von Wissen und Nicht-Wissen, und die von ihm strukturierten Texte ziehen aus diesem Spannungsfeld subversive ästhetische Effekte. Am Beispiel ausgewählter Texte von Tieck, Brentano, Stifter, Storm u.a. will das Seminar narratologische und rhetorische Eigenschaften der Erzählform analysieren, zugleich aber diese Analysen durch Seitenblicke in die komplexe Wissensgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts anreichern. Schließlich ist die Entdeckung der ‚Tiefenzeit‘ in der Geologie, der Lichtgeschwindigkeit in der Physik, der Zeitlichkeit von Wahrnehmung und anderen Lebensprozessen das beherrschende Thema der Epoche und birgt ein großes Potential an Verunsicherung und Faszination.


Dorfgeschichten 1840/2010
Master-Seminar, Do, 10-12, VSH 19, Beginn: 11.10.2018

Eine Folge des Modernisierungsschocks in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der in Lebenswelt und Kultur als fundamentale Beschleunigungskrise, von den Individuen als ein irreparables Fremdwerden von Gemeinschaft und Natur empfunden wurde, war die Konjunktur von Dorfgeschichten. Das literarische Dorf stand Modell für eine überschaubare narrative Ganzheit, für einen metaphysischen Residualraum, für die verlorene Einheit von Natur und Kultur. Das Seminar wird prominente Dorfgeschichten um 1840 von Auerbach, Stifter, Droste-Hülshoff und Keller untersuchen und sich in einem zweiten Schritt mit der Frage auseinandersetzen, warum sich so viele GegenwartsautorInnen und Filmemacher – darunter Katharina Hacker, Michael Hanecke, Saša Stanišić – nach der Jahrtausendwende dem Thema Dorf zuwenden. Sind es die alten Utopien, die wiederbelebt werden sollen, ist das Dorf ein Archiv von Kindheitserinnerungen oder ein weiterer Kriegsschauplatz in der globalisierten Welt?

Jugend um 1900. Diskurs-Stil-Literatur
Bachelor-Seminar, Di 12-14, VSH 116, Beginn: 9.10.2018

Im Wilhelminischen Deutschland nach 1871 stand die konservativ-autoritäre Allianz von Kaiser, Kirche, Beamten und Militärs im krassen Gegensatz zur Fortschrittskraft von Technik, Industrie und Wissenschaft. In diesem Staat jung zu sein bedeutete, im Geist der alten Normen erzogen zu werden, während man gleichzeitig das Zukunftspotential einer Gesellschaft zu verkörpern hatte, die sich dringend modernisieren musste – ein schier unlösbarer Widerspruch. Literatur und Kunst nahmen die ‚Jugend‘ zum Maß für den eigenen Innovationswillen und solidarisierten sich mit den verschiedenen subkulturellen Reformbewegungen. Das Seminar wird sich zur Aufgabe machen, das komplexe Bedingungsgefüge des Jugend-Diskurses um 1900 aufzuarbeiten. Gelesen werden Schulromane von Hesse, Musil und Horvath sowie eine ‚Kindertragödie‘ von Wedekind. Wir werden uns mit dem Programm der Jugendbewegung und der Kunstrichtung des Jugendstils beschäftigen, die subtilen Psychogramme ‚verlorener‘ junger Menschen von Arthur Schnitzler und nicht zuletzt die expressionistischen Vatermord-Dramen kennen lernen.


Für alle Veranstaltungen des kommenden Wintersemesters gilt: Beachten Sie bitte zu Ihrer Vorbereitung die vor Zimmer 105 aushängende Literaturliste zu diesem Seminar; bitte kaufen Sie die Bücher und lesen Sie sie. Außerdem wird vor Semesterbeginn im Copyshop M&M ein Reader mit Semesterprogramm, Bibliographie und theoretischen Texten für Sie ausliegen; bitte erwerben Sie ihn rechtzeitig!


Kolloquium zur Besprechung der Masterarbeiten
Mo, 14-16, VSH 07, Beginn: 15.10.2018