"Es herrscht Misstrauen auf allen Seiten"

Mercator Fellow Prof. Dr. Andrea Petróczi über die Rolle von Vertrauen im Spitzensport
Prof. Dr. Andrea Petróczi ist die erste DFG-Mercator-Fellow des Graduiertenkollegs
© Julia Nüllen

In seiner zweiten Förderperiode verstärkt das Graduiertenkolleg "Vertrauen und Kommunikation"  die  Vernetzung mit internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und den Ausbau von Forschungskooperationen. Als einzige Graduiertenschule der Universität Münster setzt das Kolleg in diesem Jahr deshalb erstmals das internationale DFG-Förderprogramm "Mercator Fellows" um. Der erste Mercator Fellow des Graduiertenkollegs ist die weltweit führende Anti-Doping-Forscherin Prof. Dr. Andrea Petróczi von der Kingston University (London, Großbritannien). Sie besucht das Graduiertenkolleg im Frühsommer für einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt. Andrea Petróczi arbeitet während ihrer Zeit in Münster gemeinsam mit Antragsteller und Sportpsychologe Prof. Dr. Bernd Strauß und  seinen DoktorandInnen an gemeinsamen Projekten zu Anti-Doping-Maßnahmen im Spitzesport. Im Interview spricht die Psychologin über die gemeinsamen Projekte, ihre langjährigen Verbindungen zum Graduiertenkolleg und warum Vertrauen in der Anti-Doping-Forschung keine explizite Rolle einnimmt, aber dennoch von enormer Bedeutung ist.

Wie verläuft Ihr Mercator Fellowship hier in Münster bislang?

Wir haben uns viel vorgenommen, aber ich genieße die Zusammenarbeit sehr. Es ist erstaunlich – die Zeit fliegt förmlich. Da ich bereits seit mehreren Jahren mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Graduiertenkollegs und des Instituts für Sportpsychologie zusammenarbeite, konnten wir sofort mit unseren Projekten beginnen. In den vergangenen Jahren habe ich zwei Doktoranden des Graduiertenkollegs, Dennis Dreiskämper und Katharina Pöppel, als ihre internationale Mentorin bei ihren Dissertationen unterstützt.

Wie kam es zu der Kooperation mit dem Graduiertenkolleg?

Ich kannte Bernd Strauß bereits seit einigen Jahren, durch seine Arbeit als Chefredakteur der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Psychology of Sport and Exercise". Als damals das Graduiertenkolleg gegründet wurde, fragte er mich, ob ich zwei Doktoranden mitbetreuen möchte. Das war natürlich eine Ehre für mich.

Wie profitieren Ihrer Meinung nach interdisziplinäre und internationale Forschungskooperationen von einem Programm wie dem Mercator Fellowship?

Es ist eine gute Möglichkeit, fokussiert an gemeinsamen Projekten zu arbeiten und darin gute Fortschritte zu erzielen. Allerdings dauert dieses Fellowship-Programm nur zwei Monate. Deshalb hilft unserer Zusammenarbeit vor allem die Tatsache, dass ich eine gute Arbeitsbeziehung zu den Wissenschaftlern hier in Münster habe und wir bereits an laufenden Projekten zusammenarbeiten. Es fühlt sich deshalb ein bisschen wie "nach Hause kommen" an. Denn ich arbeite bereits seit Mai letzten Jahres gemeinsam mit Bernd Strauß und Dennis Dreiskämper an einer Studie, die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOK) finanziert wird.

Worum geht es in diesem Projekt?

Wir arbeiten bereits seit einem Jahr an einer Studie zur Wahrnehmung der Vertrauenswürdigkeit und Legitimität der Anti-Doping-Arbeit des IOK und wie doping-freie Spitzensportler Anti-Doping-Maßnahmen aktiv unterstützen können und ob sie dazu bereit sind. Bisher haben wir Spitzensportler aus sechs Ländern befragt. Nun entwickeln wir aus dem gesammelten Datenmaterial eine Skala, mit der wir die psychologischen Faktoren messen können, die für die Wahrnehmung der Legitimität von Anti-Doping-Maßnahmen eine Rolle spielen.

Woran werden Sie noch arbeiten?

Außerdem helfe ich Daniel Westmattelmann dabei, einem der derzeitigen Doktoranden des Graduiertenkollegs, seine Doktorarbeit fertigzustellen und sie zu veröffentlichen. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit Themen, die auch für meine Forschungsthemen interessant sind, deshalb werden wir zukünftig gemeinsame Projekte planen. Natürlich werde ich auch Vorlesungen im Juni und Juli halten.

Welche Rolle spielt das Konzept "Vertrauen" in Ihren Studien zur Legitimität?

Wir können aus den bisherigen qualitativen Daten herauslesen, dass kein Vertrauen in der Anti-Doping-Szene herrscht. Einerseits sagen die Spitzensportler in den Interviews, dass sie sauberen Sport für sehr wichtig erachten und die Maßnahmen, also Tests und Aufklärungsarbeit, für den richtigen Weg halten. Allerdings weiß auch jeder der befragten Sportler, dass das gesamte System lückenhaft ist. Schließlich wird nicht jeder Spitzensportler, der Doping-Mittel nutzt, entdeckt. Typischerweise denken alle Sportler dennoch, dass die Anti-Doping-Organisationen ihres Landes gründlich arbeiten. Wenn man sie allerdings nach den Verfahren anderer Länder fragt, ob diese ebenso streng und gründlich arbeiteten, dann verneinen sie dies.

Man kann sagen, dass das gesamte Sportsystem seinen Athleten misstraut.
Prof. Dr. Andrea Petróczi

Also vertrauen die Sportler anderen ausländischen Organisationen nicht?

Sie vertrauen weder anderen Sportlern noch den Organisationen im Ausland. Sie glauben, dass sie unter unfairen Bedingung in internationalen Wettkämpfen antreten müssten. So denkt jeder der befragten Spitzensportler, egal, aus welchem Land er kommt. Allerdings vertrauen die Anti-Doping-Organisationen den Sportlern auch nicht, sonst gäbe es nicht diese aufwändigen Testverfahren und auch nicht die permanenten Bestrebungen, diese Verfahren zu verfeinern.

Welche Auswirkungen hat dies auf die Athleten?

Dieses mangelnde Vertrauen wirkt sich deutlich darauf aus, wie die Sportler die Legitimität von Anti-Doping-Maßnahmen empfinden. Sie fragen sich: Ist es gerechtfertigt, angemessen und fair, so zu verfahren? Gerechtfertigt sicherlich, angemessen vielleicht, weil es bislang kein besseres Konzept gibt, aber fair ist es sicherlich nicht. Da alle Sportler glauben, dass nicht jedes Land die Anti-Doping-Regeln streng befolgt.

Misstrauen die Sportler ihren Kollegen in gleicher Weise wie den Anti-Doping-Organisationen?

Aufgrund des Doping-Skandals um Russland beginnen einige Athleten, die wir befragt haben, ihre Haltung zu ändern. Sie beginnen, ihre ausländischen Kollegen, die sie unter Dopingverdacht haben, als Opfer zu betrachten, anstatt sie als betrügende Konkurrenten zu sehen. Sie fragen sich, ob ihre Kollegen vielleicht gar keine andere Wahl haben. Dieser Trend zeichnet sich deutlich in den Daten ab, die wir in Großbritannien erhoben haben. Im Moment analysieren wir die Daten aus den fünf anderen Ländern: Deutschland, Italien, Griechenland, Serbien und Russland. Russland wird sicherlich besonders interessante Daten liefern.

Hat das Konzept "Vertrauen" immer schon eine Relevanz für Ihre Forschung gehabt?

Vertrauen und Misstrauen sind integrale Bestandteile der Doping- oder Anti-Doping-Forschung, auch wenn sie nicht explizit im Zentrum der Forschung stehen. Wenn man sich den Leistungssport insgesamt ansieht, dann vertraut niemand dem anderen. Wenn die Sportverbände ihren Athleten vertrauten, dann gäbe es keinen Anlass für Tests und Aufklärungsangebote. Zurzeit werden 250.000 Tests pro Jahr durchgeführt mit Einzelkosten von 300 US-Dollar pro Test. Es wird sehr viel Geld investiert, weil die Gesellschaft ihren Spitzensportlern nicht zutraut, faire und saubere Wettbewerbe zu führen. Man kann sagen, dass das gesamte Sportsystem seinen Athleten misstraut. Dann vertrauen die Athleten wiederum nicht dem System in anderen Ländern und sowieso nicht einander. Es herrscht also Misstrauen auf allen Seiten. Allerdings kommt Vertrauen als explizites Thema kaum in der Forschungsliteratur zu Doping vor. Das ändert sich allerdings mit der Forschungsfrage nach der Legitimität von Anti-Doping-Maßnahmen, denn das Konzept der Legitimität ist eng verbunden mit Vertrauen.

Hat sich in den letzten Jahren die Stimmungslage im Spitzensport hinsichtlich des Mistrauens verändert?

Der russische Skandal und die Affäre um den Weltleichtathletikverband waren massive Rückschläge für sowohl das Vertrauen der Athleten als auch für das gesellschaftliche Vertrauen in das weltweite Anti-Doping-System. Viel interessanter ist allerdings, was daraus entstehen könnte. Den Interviewdaten unserer Legitimitätsstudie zufolge, wollen die Sportler sich zum ersten Mal mit ihren Kollegen auch aus anderen Ländern über diese Situation austauschen, anstatt einander zu beschuldigen. Vielleicht wird dies ausgelöst durch das wachsende Misstrauen in das Sportsystem. Ich hoffe, dass wir auch während meines Aufenthalts an einem Antrag zu einer Folgestudie arbeiten können, um mit einer internationalen Fokusgruppe aus Sportlern genau das zu untersuchen.