Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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1.2. Auswirkungen  vor


Wissenskultur und Kommunikation
1. Medienrevolution

1.1. MEDIENREVOLUTIONEN

Die Art und Weise, wie in einer Gesellschaft Informationen produziert, aufbewahrt und weitergegeben werden, hat weitreichende Folgen für deren wirtschaftliche, soziale und politische Strukturen. Man kann drei fundamentale „Medienrevolutionen“ unterscheiden:

Schrift ermöglicht die Lösung der Kommunikation von persönlicher Anwesenheit („face to face“) und macht Wissensspeicherung vom individuellen Gedächtnis unabhängig. Typographische Medien (Buchdruck) potenzieren die Möglichkeiten und Wirkungen der Schrift. Erst durch sie werden schriftliche Kommunikationsformen den mündlichen eindeutig bevorzugt (Literatur Giesecke, Buchdruck).

Quelle: Vom Nutzen des Buchdrucks

Bildquelle: Ähnlichkeit von Handschrift und frühem Buchdruck

 

nach unten 1.1.1. Das Mittelalter als semi-orale Kultur
nach unten 1.1.2. Die Erfindung des typographischen Verfahrens
nach unten 1.1.3. Rolle der reformatorischen Bewegung für den Buchdruck

 

  1.1.1. Das Mittelalter als semi-orale Kultur  
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Im Mittelalter ist Schriftlichkeit lange Zeit von Spezialisten (Ordensklerus) monopolisiert. Kommunikation ist vorwiegend unmittelbare Interaktion unter Anwesenden; Herrschaft ist auf persönliche Präsenz angewiesen; Verbindlichkeit stiften rituell-demonstrative Formen des Handelns. Das überlieferte antike und christliche Wissen wird in Klöstern und Domschulen in handgeschriebenen Codices aufbewahrt und durch Abschreiben, Kompilieren, Kommentieren und Glossieren fortgebildet. Kein Manuskript ist mit dem anderen völlig identisch. Seit dem 12. Jh. werden Bücher auch von Laien-Schreibern in Schreibwerkstätten gegen Bezahlung, z.T. auch auf Bestellung kopiert. Der Bedarf an Schriftlichkeit wächst vor allem in der Kirche, am Fürstenhof, an der Universität, in der Stadt und im Handel.

Bildquelle: Mittelalterlicher Schreiber beim Diktat (ca. 1494)

  1.1.2. Die Erfindung des typographischen Verfahrens  
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Der Goldschmied Johannes Gutenberg gründet nach einem Experimentierstadium 1448 in Mainz zusammen mit dem Kapitalgeber Johann Fust und dem Schreibmeister Peter Schöffer die erste Druckwerkstatt. Papier gab es bereits seit dem 13. Jh., der Druck in festen Blöcken war aus China bekannt. Neu ist die Erfindung einzelner beweglicher Bleilettern und die Kombination der Herstellungsschritte Letternguss, Satz und Druck. Das erstes gedruckte Werk ist eine Bibel von 1455/56. Die neue Technologie breitet sich rasch entlang des Rheins, in oberdeutschen, oberitalienischen, niederländischen Handelszentren und in Universitätsstädten aus. Um 1500 existieren in Europa rund 250 Druckorte mit rund 1100 Druckereien.

Bildquellen: Druckerwerkstätten

Zwischen 1450 und 1500 entstehen ungefähr so viele Buchexemplare wie in den 1000 Jahren zuvor. Die „erste frühindustrielle Massenproduktion vollkommen gleichartiger Güter“ (Literatur Burkhardt, Reformationsjahrhundert) erfolgt in kapitalintensiven Manufakturbetrieben für den überregionalen Markt, hinzu kommt der Aufbau komplexer Vertriebsnetze. Gedruckt werden vor allem religiöse Schriften (Bibeln, Messbücher, Erbauungsschriften, Ablassbriefe etc.), antike Texte, aber auch profane Ratgeber, Hand- und Lehrbücher, Kalender usw.

Diagramm: Buchdruck in Augsburg

Bildquellen: Beispiele für Themen der frühen Druckschriften

  1.1.3. Die Rolle der reformatorischen Bewegung für den Buchdruck  
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(jl) Die reformatorische Bewegung veränderte den Buchdruck tiefgreifend sowohl in seinen quantitativen Dimensionen wie in seinen qualitativen Erscheinungsformen.

Die Reformation war ein Medienereignis, in dem theologie- und kommunikationsgeschichtlicher Einschnitt zusammenfielen und sich gegenseitig bedingten. Der Buchdruck, besonders in Form von Glossar Flugschrift und Flugblatt, verhalf der Reformation zum Durchbruch - und umgekehrt: Vor der Reformation befand sich die bereits entwickelte Spitzentechnologie des Buchdrucks in einer Existenzkrise - es gab nur geringen Bedarf. Mit der Reformation findet das neue Medium sein Ereignis (Literatur Burkhardt, Reformationsjahrhundert).

Der Buchdruck bildete das wichtigste Forum der maßgeblich durch die Reformation neu entstandenen `Öffentlichkeit` in Deutschland. Als Kommunikationsmittel und Träger von Öffentlichkeit korrespondierte er mit elementaren theologischen Grundvorstellungen der Reformation. Die frühreformatorische Öffentlichkeitskultur war daher nicht nur das Umfeld der reformatorischen Botschaft, sondern deren theologisch untermauerte Zielvorgabe: Durch die reformatorische Hervorhebung des Schriftprinzips wechselte das heilsvermittelnde Medium vom geistlichen Stand auf den Buchdruck, da letzterer gewährleistete, die Bibel jedem ohne Verfälschung durch "Menschenwerk" zugänglich zu machen. Das Theologumenon "sola scriptura" bedingte also eine Art theologischer "Medientheorie": Der Buchdruck als technische Voraussetzung der Vervielfältigung der Offenbarung schuf eine Öffentlichkeit der Heiligen Schrift, die - vorbei am vermeintlich korrumpierten Stand der Geistlichen - nunmehr direkt die Menschen erreichen konnte und das Glossar Priestertum aller Gläubigen erst ermöglichte.

Das Priestertum aller Gläubigen, die theologische Aufwertung der Laienkultur, kam im Buchdruck in mehrfacher Hinsicht genuin zur Wirkung (Literatur Moeller, Flugschriften 243):

Die durch den Buchdruck realisierte, zunehmend ständisch und sozial entgrenzte Öffentlichkeit der Reformation ist also nicht nur Zustand, sondern Programm: "`Öffentlichkeit` in diesem Sinne ist daher nicht nur ein moderner Analysebegriff, sondern eine Forderung der Zeitgenossen selbst." (LiteraturHamm, Medienereignis 166)

Die theologisch motivierte Öffentlichkeitsforderung der Zeitgenossen macht evident, wie eng die Durchsetzung von Reformation und Buchdruck aneinander gekoppelt war. Dieses Wechselverhältnis bewirkte einen grundlegenden Funktionswandel der Literatur im frühen 16. Jahrhundert (Literatur Moeller, Flugschriften 243):

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