Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Theorien der Frühen Neuzeit
Modernisierung - Zivilisierung - Disziplinierung
5. Habitustheorie und Kapitalbegriff (Pierre Bourdieu)

5.6. KLASSENTHEORETISCHES MODELL VOM SOZIALEN RAUM

von Reemda Tieben

Das Bild der Gesellschaft setzt sich für B. also aus zahlreichen differenzierten sozialen Feldern zusammen, in denen die Akteure um Kapital und um die feldspezifischen Regeln streiten, um Macht und Einfluss zu erringen. Einen Überblick über eine zu betrachtende Gesellschaft hat man auf diese Weise aber noch nicht gewonnen, dies leistet jedoch B.s klassentheoretisches Modell vom sozialen Raum.

Dieses Modell steht in Zusammenhang mit den Diskussionen um die theoretische Konzeptualisierung und empirische Analyse sozialer Ungleichheitsverhältnisse, die vor allem auf verwandte Themen Max Webers Konzept des Standes und auf das Klassenkonzept von Karl Marx zurückgehen. Auch zwischen diesen beiden Ansätzen, die hier nicht näher erläutert werden können, versucht Bourdieu zu vermitteln.

horizontale und vertikale AchsenIn einem ersten Schritt konstruiert B. den Raum der sozialen Positionen. Anhand der Kriterien Kapitalvolumen (Umfang an den unterschiedlichen Kapitalformen), Kapitalstruktur (relatives Verhältnis der Kapitalformen zueinander) und soziale Laufbahn (soziale Klassen oder Klassenfraktion befinden sich eher im Abstieg oder im Aufstieg) werden die objektiven (materiellen, kulturellen und laufbahnspezifischen) Lebensverhältnisse von Klassen und Akteuren ermittelt.

In einem zweiten Schritt wird dieser dreidimensionale Raum, der anhand einer horizontalen und einer vertikalen Achse mit Berücksichtigung der laufbahnspezifischen Lebensverhältnisse konstruiert wurde, erweitert durch den Raum der Lebensstile, der wie eine Folie auf den Raum der sozialen Position gelegt wird.

Mit dem Raum der Lebensstile werden die symbolischen Merkmale der Lebensführung erfasst, die sich nicht nur aus den zur Verfügung stehenden Ressourcen erklären, sondern auch aus gruppen- und klassenspezifischen und insofern subjektiven ästhetischen Urteilen, Praxisformen und Wahrnehmungen. Die unterschiedlichen Praktiken und Denk- und Wahrnehmungsschemata bilden auch einen Raum, der strukturiert ist und mit dem Raum der sozialen Positionen in systematischen Beziehungen steht. Die Vermittlung zwischen dem Raum der sozialen Position und dem Raum der Lebensstile leistet der Habitus, der die Verbindung zwischen objektiven externen Strukturen und den subjektiven Wahrnehmungen, Wertvorstellungen, ästhetischen Urteilen, „Alltagstheorien“ und Praxisformen leistet, so dass jeder Klasse bestimmte habituelle Dispositionssysteme zugeordnet werden können.

Eine wichtige Differenzierung für das Klassenmodell Bourdieus sei abschließend genannt: Bei den Klassen, die in den zwei genannten Schritten konstruiert wurden, handelt es sich um theoretische Klassen, die nicht mit den politisch mobilisierten Klassen identifiziert werden dürfen. Aber B. hält es für wahrscheinlich, dass die auf diese Weise konstruierten Klassen auch die wahrscheinlichen Klassen sind, die auf der Praxisebene auch politisch mobilisiert werden bzw. sein können. Auf der Praxisebene werden also durch politische Benennungs- und Mobilisierungspraktiken von den Akteuren selbst permanent Klassen konstruiert. Mit der Berücksichtigung der Konstruktionsprozesse auf der Ebene der Akteure kommt ein dynamisch-historisches Element in das Sozialraum-Modell, denn die Akteure haben durch symbolische Strategien die Möglichkeit, ihre soziale Umwelt zu verändern. Das Sozialraum-Modell, dem man einen Hang zur Reproduktion immer gleicher Strukturen durch den Habitus unterstellen könnte, kann auf diese Weise und im Hinblick auf das Auseinanderfallen von Habitus und Feld, das oben angesprochen wurde, auch dynamisch-historische Entwicklungen erklären.

 

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