Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Theorien der Frühen Neuzeit
Modernisierung - Zivilisierung - Disziplinierung
5. Habitustheorie und Kapitalbegriff (Pierre Bourdieu)

5.2. „PRAXEOLOGISCHE THEORIE DER PRAXIS“

von Reemda Tieben

In den 80er und 90er Jahren entwickelte sich in Deutschland eine neue Sichtweise der Geschichte, die im Gegensatz zu den historischen Sozialwissenschaften der Bielefelder Schule steht und die die Rolle der subjektiven Wahrnehmungen, Werte und rationalen Entscheidungen der historischen Akteure für die historische Entwicklung betont. Im Zuge dessen wird der erkenntnistheoretische Zugang der historischen Sozialwissenschaften mit diesen Ansätzen, wie z.B. Mikrogeschichte, historische Anthropologie, historische Kulturwissenschaft, kritisiert, da er ihrer Ansicht nach die subjektiven Einstellungen der Akteure vernachlässige und nur auf die objektiven, ökonomischen Strukturen abstelle. Bourdieu, der auf dem soziologischen Feld in Frankreich vor einer ähnlichen Diskussion zwischen „Subjektivisten“ und „Objektivisten“ stand, versuchte mit der „praxeologischen Theorie der Praxis“ beide erkenntnistheoretischen Ansätze miteinander zu verbinden, wobei er darauf hinwies, dass beide Gruppen wichtige Fragen vernachlässigen würden. Die Subjektivisten, die sich für die praktisch erlebten Handlungen und den damit einhergehenden Repräsentationen (Ideen, Erwartungen, Wissen, vorgestellte Ziele, Pläne) von Akteuren interessierten, würden nicht nach den äußeren Bedingungen der Möglichkeit subjektiver Erkenntnis fragen und gäben sich der Illusion preis, unmittelbar auf der Ebene der Primärerfahrungen von Subjekten ihre soziale Situation zu erfassen. Die Objektivisten mit ihrem Fokus auf von den Subjekten unabhängigen Relationen (z.B. sprachliche, verwandtschaftliche oder ökonomische) vernachlässigten die Subjekte völlig und begriffen ihre Einstellungen als tendenziell vernachlässigbare, da aus den Strukturen abgeleitete, Rationalisierungen.

Nach Bourdieu sollen mit der praxeologischen Erkenntnisweise beide Einseitigkeiten vermieden werden, und zwar aufgrund der Erkenntnis der Grenzen jeder theoretischen Erkenntnis. Man muss nach Bourdieu zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftlicher Praxis unterscheiden. Die wissenschaftliche Erkenntnis sei durch die Handlungsentlastetheit der Wissenschaftler geprägt; d.h. diese stehen bei der Entstehung ihrer Erkenntnis über gesellschaftliche Zusammenhänge nicht unter Zeit- oder Handlungsdruck wie die Akteure, die sich selbst in diesen gesellschaftlichen Zusammenhängen befinden. Aus diesem Grund stehen beide Erkenntnisweisen, subjektivistische wie objektivistische, im Gegensatz zur praktischen Erkenntnisweise. Diesen Gegensatz nennt Bourdieu „logische Differenz“. So kann Bourdieu die Eigenlogik der praktischen Erkenntnis, die Primärerfahrung sozialer Akteure, zur Geltung bringen und betont gleichzeitig den konstruktivistischen Charakter der wissenschaftlichen Erkenntnisweise. Damit ist aber noch nicht geklärt, wie Bourdieu mit seiner Theorie, die sich immer an der Forschungspraxis orientiert, die Vermittlung zwischen den objektiven Strukturen und den Primärerfahrungen der Akteure erklärt. Dies leistet die Habitustheorie.

 

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