Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Theorien der Frühen Neuzeit
Modernisierung - Zivilisierung - Disziplinierung
5. Habitustheorie und Kapitalbegriff (Pierre Bourdieu)

5.3. HABITUSTHEORIE

von Reemda Tieben

Quelle: Habitustheorie

Der Habitus ist nach Bourdieu der „Erzeugungsmodus der Praxisformen“, d.h. die sozialen Akteure sind mit systematisch strukturierten Anlagen ausgestattet, die für ihre Praxis konstitutiv sind. Der Mensch ist also kein völlig freies Subjekt, wie es die Subjektivisten manchmal gerne sähen, sondern ein gesellschaftlich geprägter Akteur. Der Habitus gewährleistet die aktive und unbewusste Präsenz früherer Erfahrungen und setzt sich zusammen aus Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, die bestimmen, wie ein Akteur seine Umwelt sensuell wahrnimmt, welche Alltagstheorien, Klassifikationsmuster, ethischen Normen und ästhetischen Maßstäbe er vertritt und welche individuellen und kollektiven Praktiken der Akteur hervorbringt. Das habituelle Dispositionssystem ist geprägt durch die spezifische Position, die der betreffende Akteur oder eine Gruppe von Akteuren innerhalb der Sozialstruktur einnimmt. Ein Habitus formt sich also im Zuge der Verinnerlichung der äußeren gesellschaftlichen (materiellen und kulturellen) Bedingungen des Lebens, durch die spezifische Stellung, die ein Akteur und seine soziale Klasse innerhalb der gesellschaftlichen Relationen einnimmt. Dabei wird der Akteur nicht vollständig determiniert, vielmehr stellen die äußeren materiellen, kulturellen und sozialen Existenzbedingungen und ihre verinnerlichte Form als Habitus nur die Grenzen möglicher und unmöglicher Praktiken zur Verfügung. Die einzelnen individuellen Praktiken sind dem Akteur und seiner Wahlfreiheit überlassen. Durch den Habitus werden also Praxisformen und nicht einzelne Praktiken festgelegt. Außerdem lässt Bourdieu auch andere Produktionsprinzipien von Praxis gelten, die unabhängig vom Habitus sind. Dies sind z.B. rationales Kalkül und die Befolgung ausdrücklicher Normen, zu deren Anwendung es nach B. dann kommt, wenn die objektiven Strukturen mit dem angelernten Habitus in Konflikt geraten, so dass der Habitus nicht mehr seine Orientierungsfunktion übernehmen kann. Dies geschieht in ökonomischen oder kulturellen Krisensituationen, aus denen auch Revolutionen oder Revolten entstehen können.

 

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