Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Theorien der Frühen Neuzeit
Modernisierung - Zivilisierung - Disziplinierung
5. Habitustheorie und Kapitalbegriff (Pierre Bourdieu)

5.1. AUFNAHME DURCH DIE DEUTSCHE GESCHICHTSWISSENSCHAFT

von Reemda Tieben

Trotz seiner starken empirischen Orientierung wurde Bourdieu erst in den 80er Jahren von deutschen Historikern entdeckt. Zunächst wurde seine Theorie für eine Untersuchung der Handwerker des 18. und 19. Jh.s benutzt (Literatur Grießinger, Symbolisches Kapital der Ehre). Das Interesse bezog sich jedoch schon bald auch auf die Anwendbarkeit der Bourdieuschen Theorie auf die Bildungsinstitutionen der Familie, Schule und Universität (Literatur Müller-Rolli, Familie und Schule). In den 90er Jahren versuchten jüngere Historiker der Bürgertumsforschung, Anregungen aus Bourdieus theoretischem Entwurf aufzunehmen (Literatur Mergel, Zwischen Klasse und Konfession; Literatur Tanner, Arbeitsame Patrioten). Schwierigkeiten bereitet Historikern offensichtlich Bourdieus Konzept des Wandels, der nach B. auf der objektiv-strukturellen Ebene angestoßen wird. Nach Sven Reichardt scheint ein Wandel der Gesellschaft durch Veränderungen der Habitusformen aus sich selbst heraus unmöglich. Es wäre paradox, wenn die Habitusformen die Strukturen veränderten, durch die sie selbst erzeugt werden. Nach Reichardt ist auch die Konzeption des sozialen Raums problematisch, da Bourdieu von der Dynamik sozialer Prozesse abstrahiere und sich nur für die Beziehungen der Akteure untereinander interessiere und nicht für die Machtkämpfe, die sozialen Wandel bewirken könnten (Literatur Reichardt, Bourdieu für Historiker?).

Dieter Groh untersucht die Verwertbarkeit von Bourdieus Theorie für andere Gesellschaftsformen als der französischen gegenwärtigen Gesellschaft. Ihn interessieren besonders die Implikationen dieser Theorie in Bezug auf Subsistenzökonomien, womit er dann auch Bezug nimmt auf die Ökonomie in frühneuzeitlichen Gesellschaften. Die Kategorie des symbolischen Kapitals und der permanente Transfer von ökonomischem Kapital in symbolisches Kapital und umgekehrt sind nach Groh geeignet, Vorgänge zu beschreiben, die in nichtkapitalistischen Gesellschaften dominieren. Die Habitustheorie leistet für Groh die Verbindung von strukturellen Gegebenheiten und den Handlungen und dem Denken der Individuen, wobei er im Gegensatz zu Reichardt betont, dass der Habitus durch eine gewisse Autonomie gegenüber den objektiven Strukturen gekennzeichnet sei. Er könne das soziale Feld strukturieren und Wandel ist damit nicht nur auf der objektiv-strukturellen Ebene denkbar, sondern auch durch Veränderungen des Habitus aus sich selbst. Für eine Anwendungsmöglichkeit von Bourdieus „Theorie der Praxis“ auf Subsistenzökonomien scheint besonders folgender Aspekt ausschlaggebend zu sein: Bourdieu selbst weist auf eine fundamentale Differenz zwischen kapitalistischen und vorkapitalistischen Gesellschaften hin, die darin besteht, dass die intensive Produktion von Symbolen und Sinn ein funktionales Äquivalent für stabile Institutionen in vormodernen Gesellschaften bilden (Literatur Groh, Pierre Bourdieu).

 

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