Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.6. Bäuerlicher Widerstand gegenüber der Herrschaft

3.6.4. ZIELE BÄUERLICHEN WIDERSTANDS UND DAS „GUTE ALTE RECHT“

von Reemda Tieben

In der älteren Forschung – und teilweise auch in der neueren – ging man davon aus, dass die bäuerlichen Widerstände reaktive soziale Proteste darstellten. Charles Tilly definierte einen reaktiven Protest als geleitet durch Zielvorstellungen, etablierte Ansprüche erneut zu bekräftigen, wenn die Herrschaft diese herausforderte oder bedrohte. So war für ihn der Kern der europäischen Bauernunruhen vom 17. bis zum 19. Jh. zu betrachten als Widerstand von geschlossenen, solidarischen Bauernunruhen gegenüber Versuchen von außerhalb, ihre erworbenen Rechte und Lebensweisen zu brechen. Diese reaktiven Proteste grenzte er ab von den proaktiven Glossar Zielen von Gruppen des 19. und 20. Jh.s und von den konkurrierenden Zielen zwischen Gruppen oder innerhalb von Gruppen, zu denen er z.B. den Glossar Charivari zählt und die er dem 15. und 16. Jh. zuordnet (Literatur Tilly, Hauptformen, 153-162).

Die reaktive Interpretation der bäuerlichen Widerstände wurde aus den Quellen, die für die bäuerliche Bevölkerung aus Mangel an autobiographischen Zeugnissen und Briefwechseln v.a. aus Gerichtsakten bestehen, besonders unterstützt durch den immer wieder auftauchenden Rekurs der Bauern auf das „gute alte Recht“. Dieser bildete einen wichtigen Topos für die Legitimation bäuerlichen Widerstandes. Bauern waren bemüht, ihre Beschwerden und Forderungen in einen rechtlichen Begründungszusammenhang zu bringen. Zu diesem Zweck beriefen sie sich auf ein altes Herkommen oder eine alte Freiheit, um ihre Ziele zu erreichen. Die Vorstellung einer alten Freiheit, die nur gerüchteweise bekannte Existenz einer alten Urkunde konnte außerdem einen motivierenden Effekt für den Widerstand haben. Dieser Rechtsauffassung lag die sich mit heutigen Vorstellungen widersprechende Annahme zugrunde, dass Recht immer schon vorhanden war und nur gefunden werden musste. Aus diesem Legitimationsstrang der Bauern schlossen und schließen Historiker, dass jene reaktiv bzw. traditional handelten, also vorwiegend versuchten, alte Gewohnheiten oder Rechte wiederherzustellen. 

Otto Brunner hat im Gegensatz dazu schon früh darauf hingewiesen, dass der Rekurs auf das „alte Recht“ nicht einfach zeigt, dass die Bauern sich an der Tradition, dem Überkommen oder der Geschichte als Glossar Legitimitätsgrund für ihren Widerstand orientierten. Die oft wiederkehrende Behauptung, etwas sei „altes Recht“, will nur dieses Recht als dem Herkommen, der Gewohnheit, dem Rechtsbewusstsein entsprechend darstellen, konnte aber auch Neuerungen beinhalten. Die Menschen lebten in einer Ordnung, die ihnen als „alt“ erschien, weil sie nach ihrer Überzeugung gut und richtig war und daher in der Geschichte gegolten hatte, wie sie in der Gegenwart galt. Alles Recht, das als gültig empfunden werden sollte, musste alt sein, da das Recht eins mit dem göttlichen Recht war. Die religiöse Fundierung des alten Rechts begründete auch die Vorstellung, dass das konkrete alte Recht mit einer idealen Gerechtigkeit identisch war. Gerechtigkeit war sowohl die Idee des Rechts, wie jeder konkrete Rechtsanspruch eines Einzelnen. Die Formel vom „guten alten Recht“ war der Ausdruck eines Rechtsdenkens, dem Recht und Gerechtigkeit identisch waren. Bauern konnten sich so auf positives altes Recht berufen, das gleichzeitig Gerechtigkeit darstellte, um für eine „gerechte Herrschaft“ zu kämpfen, d.h. entweder Ansprüche der Herrschaft zu beschränken oder selbst Druck auf die Herrschaft auszuüben, um Neuerungen durchzusetzen.

Auch Winfried Schulze grenzt sich nachdrücklich von der Vorstellung reaktiver Proteste und einer Deutung des Rekurses auf das „gute alte Recht” als Rückbezug auf eine Tradition ab und behauptet, dass die bäuerlichen Gemeinden eine Vorstellung einer Welt ohne Herren, ohne Abgaben, Dienste und Zwänge hatten und ein proaktives Bild einer bäuerlich bestimmten und selbstverwalteten Welt entwarfen. Darin herrschte die göttlich-rechtliche Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen. Dieser „Traum der Freiheit“ gab dem praktischen Widerstand nach Schulze seine für uns so schwer nachvollziehbare Beharrlichkeit und stellte die große Utopie dar, in der jede neu erkämpfte Freiheit ein Stück dieses großen Traumes war (Literatur Schulze, Herrschaft und Widerstand, 195ff.; siehe auch Literatur Blickle, Modell bäuerlicher Rebellion, 302).

 

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