Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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3.4.2. Gemeinde als politisch-rechtlicher Verband  vor


Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.4. Funktionen der Landgemeinde

3.4.1. GEMEINDE ALS WIRTSCHAFTSEINHEIT

von Reemda Tieben

Im Verlauf des Spätmittelalters wurden die grund- und leibherrlichen Bindungen der einzelnen Höfe zunehmend durch die Dorfgemeinde überlagert. Die bäuerliche Nutzungsgenossenschaft und ihr Regelungsbedarf trieb die Entwicklung zur Dorfgemeinde entscheidend voran, so dass sie sich neben dem Haus als zweite maßgebliche Einheit der Organisation und Vergesellschaftung in der ländlichen Gesellschaft etablierte ( Holenstein, Bauern, 13).

„Eine wirksame gemeindliche Kooperation, eine verbindliche Ordnung der Nutzung der Flur, war zentrale Bedingung der dörflichen Wirtschaft. Zu regeln waren alle Bereiche, in denen sich „Recht” und Interessen überschnitten, und alle Bereiche kollektiven Wirtschaftens, die die Einigung auf einen anerkannten Modus verlangten” ( Beck, Unterfinning, 52).

Die Höfe und Kleinstellen der Voll- und Kleinbauern bildeten keine autarken Einheiten. Sie waren – abhängig von den lokalen Siedlungs- und Wirtschaftsstrukturen – mehr oder weniger eng in ein System der Kooperation und Koordination mit den benachbarten Häusern eingebunden. Diese Zusammenarbeit wurde meist über die korporative Organisation der Gemeinde vermittelt. ( Holenstein, Bauern, 13) Besonders in Gebieten mit geschlossener Dorfsiedlung und Felderwirtschaft regelte die Gemeinde die lokale Agrarwirtschaft, während diese Funktion in Gebieten mit Einzelhofsiedlung, wo keine Feldgemeinschaft der Höfe existierte, zurücktrat. ( Holenstein, Bauern, 15) 

Die räumliche Aufteilung einer Dorfmark soll hier kurz idealtypisch vorgestellt werden: 

link zu Graphik und Text Dorfmark link zu Graphik und Text Dorfmark Graphik und Text: Dorfmark

Anhand dieses Nutzungsschemas wird klar, dass eine verbindliche Ordnung der Nutzung der Flur und der Allmende eine zentrale Bedingung der dörflichen Wirtschaft war ( Beck, Unterfinning, 52). In der Gemeindeversammlung wurden folgende Aufgaben geregelt und festgelegt:

Die individuellen sowie kollektiven Arbeiten mussten räumlich und zeitlich abgestimmt werden. Die Nutzungsrechte und -zeiten der einzelnen Dorfbewohner an der Allmende mussten festgelegt werden. Die Reparatur von Straßen und Wegen wurde gemeinschaftlich beschlossen und durchgeführt. Für die Reparatur der Wege, aber auch für andere Aufgaben wie das Hüten der Tiere wurde auf Kosten der Gemeinde Personal angestellt. Über die Ausgaben aus dem Glossar Gemeindehaushalt, z.B. für Personal, wurde entschieden. Außerdem verhängte die Gemeinde Bußen und Sanktionen bei Verstößen gegen diese Ordnung. 

Einerseits führten die vielfältigen Regelungsbedürfnisse in der Gemeinde zu häufigen innerdörflichen Auseinandersetzungen, denn in der Gemeindeversammlung setze sich meist die bäuerliche Oberschicht durch, während die Kleinbauern und die Landarmen bzw. Landlosen oft gar nicht an der Gemeindeversammlung teilnehmen durften oder dort keine ausschlaggebende Stimme hatten. Daher wurden die unterbäuerlichen Schichten häufig marginalisiert und die bäuerliche Oberschicht hatte mit verwandte Themen Widerstand zu rechnen.

Andererseits bildete sich - sobald wirtschaftlicher Druck von außen (seitens der Herrschaft) auftrat - ein gemeinschaftlicher Interessenverband der Gemeinde. Die wirtschaftliche Teilhabe am Gemeindegut schuf ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Nutzungsberechtigten, das zum Widerstand gegen herrschaftliche Druck genutzt werden konnte.

 

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