Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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3.6.1. Ursachen von Widerstand  vor


Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft

3.6. BÄUERLICHER WIDERSTAND GEGENÜBER DER HERRSCHAFT

von Reemda Tieben

„Bäuerlicher Widerstand“ als Forschungsobjekt erfreut sich erst seit den 1970er Jahren eines wachsenden Interesses unter Historikern der Bundesrepublik (Glossar Forschungsüberblick). Damit errang die bäuerliche Widerstandsforschung einen festen Platz in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft. Begannen die Historiker mit einer Bestandsaufnahme und Klassifizierungsbestrebungen von bäuerlichen Unruhen, so wurden seit der Mitte der 80er Jahre neue Akzente gesetzt: Detaillierte Studien zur ländlichen Sozialstruktur und Geschlechtsspezifik innerhalb der bäuerlichen Aufstände (z.B. Literatur Suter, „Troublen“ und Literatur Luebke, His Majesty´s Rebels) wurden in den Blick genommen. Außerdem interessierte man sich nun auch verstärkt für die sozialen Werte und Normen wie „Gemeiner Nutzen“ oder die „Auskömmliche Nahrung“ (z.B. Literatur Blickle, Hausnotdurft, 42-64; Literatur Schulze, Vom Gemeinnutz, 591-626) und für die Entwicklung einer politischen Öffentlichkeit durch Unruhen (z.B. Literatur Würgler, Modernisierungspotential). 

Diese Studien haben vor allem gezeigt, dass man nicht unreflektiert von „den Bauern“ oder „den Gemeinden“ als Widerständigen sprechen kann, sondern die Beteiligten sozial und geschlechtsspezifisch differenzieren und die innergemeindlichen Auseinandersetzungen um Ressourcen berücksichtigen sollte. 

Außerdem ist es ein großer Verdienst der bäuerlichen Widerstandsforschung, gezeigt zu haben, dass die ländliche Bevölkerung auch nach dem Bauernkrieg weder apolitisch war noch irrational gehandelt hat. Vielmehr versuchte man die ihren Handlungen innewohnende eigene Rationalität aufzudecken, die sich vor allem an der Norm der „gerechten Herrschaft“ orientierte. Dementsprechend stellt der bäuerliche Widerstand einen wichtigen Schlüssel zum zeitgenössischen Verständnis von Herrschaft und Beherrschung, zum Begriff der Gemeinde, zur ländlichen sozialen Differenzierung, der Rolle der Geschlechter und zum Einsatz bestimmter Normen zur Rechtsdurchsetzung und Rechtsverteidigung in der frühneuzeitlichen Kultur dar. 

Auch die Definition von Widerstand wurde inzwischen präzisiert. Man geht nun nicht mehr nur davon aus, dass kollektive, gewaltsame und von der Obrigkeit als illegal eingestufte Aktionen von Bauern in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, rechtlichen oder politischen Auseinandersetzungen mit ihren Grund- oder Landesherrschaften als Widerstand zu fassen sind:

  1. Ein breiterer Widerstandsbegriff bezieht alle Handlungen ein, die von den Zeitgenossen selbst im Zusammenhang mit kollektiven Auseinandersetzungen als erheblich betrachtet wurden und deshalb aktenmäßig festgehalten wurden. Dazu gehören alle Einzel- und Gruppenaktivitäten, die zu der gewaltsamen Auseinandersetzung insofern Bezug hatten, als sie sie herbeiführten oder begleiteten. Diese Aktionen konnten eben auch individuell oder legal ablaufen, wenn sie auch später von der Grund- oder Landesherrschaft als illegale Vorbereitung oder Begleitung des kollektiven gewaltsamen Widerstandes angesehen wurden.
  2. Unter Anwendung eines breiten Widerstandsbegriffes wird die aktive Nutzung von prozessualen Formen der Rechtsdurchsetzung als Widerstand definiert (zum breiteren Widerstandsbegriff: Literatur Suter, „Troublen“, 156f. und Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 87). 
  3. Es sollten aber nicht nur organisierte Auseinandersetzungen (offene Revolten bzw. Prozesse) als Widerstand erfasst werden, sondern auch das Massenphänomen der unspektakulären „Alltags-Abwehr“, sofern es mit den obrigkeitlichen Forderungen kollidierte (zur Alltags-Abwehr: Literatur Peters, Eigensinn, 85-103).

 

3.6.1. Ursachen von bäuerlichem Widerstand

3.6.2. Normen und Werte

3.6.3. Mittel des Konfliktaustrages

3.6.4. Ziele bäuerlichen Widerstands und das „gute alte Recht“

3.6.5. Folgen von Widerstand

3.6.6. Landgemeinde als Basis für Widerstand

 

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3.6.1. Ursachen von Widerstand  vor
 
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