Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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3.3.2. Territorialstaat und ländliche Gesellschaft  vor


Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.3. Bauern und Herrschaft

3.3.1. AGRARVERFASSUNG UND VERERBUNG

von Malte Schmiedhäuser

Bei der Betrachtung der Besitz- und Sozialverhältnisse in ländlichen Regionen der FNZ sind zwei Faktoren als besonders prägend für die Lebens- und Wirtschaftsweise zu betrachten: Die Agrarverfassung und das Erbrecht.

Unter Agrarverfassung versteht man das Besitz- und Nutzungsrecht der Bauern an ihren Höfen, ihren Rechtsstatus sowie die Art und Weise der Abschöpfung bäuerlicher Arbeitskraft und ihrer Erzeugnisse in Form der Grund- oder Glossar Feudalrente durch den jeweiligen Grundherren, also den landständigen Adel, geistliche Institutionen oder auch Städte.

Diagramm: Herrschaftsverhältnisse in einem Dorf um 1550

Die meisten Bauern der FNZ standen in mindestens zwei herrschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen. Sie waren einerseits Untertanen des Landesherren und diesem zu steuerlichen Abgaben verpflichtet, andererseits schuldeten sie auch dem Grundherren, der ihnen ihr Hofland zur Bearbeitung ausgeliehen bzw. verpachtet hatte, Abgaben und Dienste. Zwar gab es auch freie Bauern, deren Höfe ihr Eigenbesitz waren (größtenteils in den Alpenregionen, im Schwarzwald, sowie an der Nordseeküste), die Mehrzahl war jedoch als Hintersassen, Grundholde oder Erbzinsbauern abhängig vom ihrem Grundherren oder befand sich im mit größerer persönlicher Unfreiheit verbundenen Status der Leibeigenschaft. 

Neben der Dienstpflicht und zusätzlichen Abgabenbelastungen (etwa im Todesfall) bedeutete der unfreie Status der Erbuntertänigkeit oder Leibeigenschaft für die Bauern auch eine Bindung an die Scholle, also ein Verbot abzuwandern, es sei denn, sie konnten sich vom Grundherren loskaufen oder einen Nachfolger stellen. Ferner musste für eine Heirat die Zustimmung des Grundherren, der Heiratskonsens, eingeholt werden. 

Eine Vielzahl von unterschiedlichen Glossar Herrschaftsbeziehungen (neben der Grund- auch die Gerichts-, Leib- oder Glossar Zehntherrschaft) begründete die verschiedenen Abgabenverpflichtungen, wobei diese Herrschaftsrechte teilweise konzentriert waren, aber auch in mehreren Händen verteilt sein konnten.

Bei der Agrarverfassung lässt sich grundsätzlich zwischen der Form der Gutsherrschaft, die geographisch im Wesentlichen östlich von Elbe und Saale anzusiedeln ist, und der westlich dieser Linie in recht unterschiedlichen Varianten auftretenden Grundherrschaft unterscheiden. 

Zwar verlief auch die Entwicklung der Gutsherrschaft in den ostelbischen Territorien nicht überall in gleicher Geschwindigkeit und Intensität, folgte aber im Wesentlichen einem spezifischen Strukturmuster.

Für eine sichere Handhabung der Begrifflichkeit bleibt noch festzuhalten, dass man zwar idealtypisch die Formen der Gutsherrschaft und Grundherrschaft in ihren jeweiligen Besonderheiten gegenüberstellt. Beide Formen basieren aber grundsätzlich auf der Grundherrschaft im eigentlichen Wortsinne – also Herrschafts- und Besitzrechten über bzw. an Grund und Boden.

nach unten 3.3.1.1. Gutsherrschaft
nach unten 3.3.1.2. Grundherrschaft
nach unten 3.3.1.3. Vererbung: Geschlossene Vererbung und Realteilung

 

  3.3.1.1. Gutsherrschaft  
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In Folge der Agrarkrisen und Kriege des 14. und 15. Jh. fielen viele Bauernstellen im ostelbischen Gebiet Glossar wüst und blieben später teilweise unbesetzt, wodurch es möglich wurde, sie dem grundherrlichen Hofland hinzuzufügen. Im 17. Jh. ergaben sich noch einmal ähnliche Möglichkeiten im Zuge der Bevölkerungsverluste des verwandte Themen Dreißigjährigen Krieges

Durch eine günstige Machtstellung der adeligen Landstände in den ostelbischen Gebieten gegenüber der Landesherrschaft erreichten die Gutsherren im Zeitraum vom 16. bis zu Beginn des 17. Jh. zudem eine rechtlich fixierte Verschlechterung des landrechtlichen Status der Bauernschaft (zweite Leibeigenschaft). Das begünstigte einerseits wiederum die Vergrößerung der Eigenwirtschaften der Gutsherren und erleichterte andererseits den Zugriff auf die Arbeitskraft der Bauern, womit sich der Arbeitskräftebedarf des Glossar Teilbetriebs der Gutshöfe decken ließ. 

Im Laufe des 18. Jh.s kam es zunehmend zur Überführungen von noch bestehenden Bauernstellen in den Gutsbetrieb (Bauernlegen, Auskaufen der Bauern). Der resultierende Rückgang des Angebots bäuerlicher Arbeitskraft machte die Umstellung der Gutshöfe auf Glossar Eigenbetrieb erforderlich.

Charakteristisch für die Gutsherrschaft war die Vereinigung von Herrschaftsrechten an Grund und Boden, der niederen Gerichtsbarkeit und der Polizeigewalt, sowie der Leibherrschaft (ein Züchtigungsrecht mit eingeschlossen) in der Hand des Gutsherren, was für diesen die Forderung von Diensten der Bauern in erheblichem Umfang ermöglichte. Im Prinzip stellten die Gutsherrschaften einen „Staat im Staate“ dar, denn die unfreien Bauern standen durch die Unterwerfung unter die in der Hand des Gutsherren konzentrierten Herrschaftsrechte nur mittelbar unter der Herrschaft des Landesherren.

Schema: Gutsherrschaft in Preußen, Ende 18. Jh.

Der Bedarf der Gutsherren an bäuerlicher Arbeitskraft lag darin begründet, dass sie eine ausgeprägte Eigenwirtschaft betrieben und Produkte für den Markt herstellten, womit sie direkt von der günstigen Agrarkonjunktur und den guten Exportmöglichkeiten für Getreide (England, Niederlande) profitieren konnten. Damit wurden die Gutsherren praktisch zu einer Art Unternehmer, wichen also vom adeligen Selbstverständnis als reine Rentenempfänger ab, was allerdings tolerierbar war, da sie ihr Einkommen immer noch aus dem klassischen adeligen Erwerbsgebiet, der Landwirtschaft, bezogen. 

Die Gutshöfe wurden aber zunächst kaum in Eigenbetrieb bewirtschaftet, sondern in Teilbetrieb unter Rückgriff auf die Arbeitskraft der abhängigen, in einen unfreien Rechtsstatus herabgedrückten Bauern. Weit verbreitet war auch der Gesindezwangsdienst des bäuerlichen Nachwuchses auf dem Gutshof. 

Die von den abhängigen Bauern zu leistenden Dienste (Fronen) beliefen sich gewöhnlich auf zwei bis vier, teilweise sogar bis zu sechs Tage in der Woche. Die Bewirtschaftung der eigenen bäuerlichen Hofstelle war normalerweise nur zu gewährleisten, wenn die Arbeiten auf dem Gutshof durch eigens dafür angestelltes Gesinde wahrgenommen wurden. Ab einer Fronbelastung von zwei bis drei Tagen in der Woche wurde zudem die Anschaffung eines weiteren Gespannes notwendig. 

Der Unterhalt dieser zusätzlichen Kräfte war nur Dank der relativ großen Hofstellen der Bauern mit durchschnittlich 20-70 ha zu leisten. Trotz der Größe dieser Höfe und der, abgesehen von den Diensten, nur geringen Verpflichtung zu Abgaben konnten die Bauern aufgrund der hohen Betriebskosten nur wenig Überproduktion für den Markt erwirtschaften. 

Auch das Besitzrecht der Bauern an ihren Hofstellen war stark eingeschränkt. Vorherrschend war ein jederzeit vom Grundherrn kündbares Nutzungsrecht (Lassrecht) der Höfe. 

  3.3.1.2. Grundherrschaft  
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Bei den westlich der Elbe-Saale-Linie verbreiteten, regional stark unterschiedlichen Formen der Grundherrschaft ist die Beschränkung des Grundherren auf den Rentenbezug in Form von Produkt- und Geldrenten kennzeichnend. Anders als bei der Gutsherrschaft betrieben die Grundherren ihrerseits kaum Eigenwirtschaft und verfügten auch nur selten über die Gerichtsbarkeit, die eher in Händen der Landesherren lag. Generell waren die unterschiedlichen Herrschaftsrechte in den Regionen der Grundherrschaft eher auf mehrere Herrschaftsträger verteilt.

Die in grundherrschaftlichen Gebieten ansässigen Bauern waren meist persönlich frei oder unterlagen einer abgeschwächten Form der Leibeigenschaft, der Erbuntertänigkeit, die lediglich zusätzliche Abgaben mit sich brachte. Auch das Eigentumsrecht der Bauern an ihren Hofstellen war ein günstigeres als bei der Gutsherrschaft, denn die Höfe konnten meist vererbt werden. Die durchschnittliche Größe der Höfe (beispielsweise in Nordwestdeutschland) war mit 10-20 ha (Vollmeier) bzw. 5-10 ha (Halbmeier) und den noch kleineren Besitzungen unterbäuerlicher Schichten jedoch deutlich geringer als im ostelbischen Gebiet. Die Größe der Hofstellen und die Sozialstruktur der ländlichen Gesellschaft waren in besonderer Weise abhängig vom herrschenden Erbrecht.

Eventuell zu leistende Dienste stellten keinen bedeutenden Teil der von den Bauern zu erbringenden Glossar Feudalrente dar (maximal zehn Tage im Jahr). Die bäuerliche Hauptbelastung bestand dagegen aus Produkt- und Geldabgaben (Glossar Zehnte, Steuern, Zinsen und Pacht). Zusammengenommen umfassten die zu entrichtenden Abgaben (Feudalquote) etwa 20-40% des bäuerlichen Realertrages, was gerade bei kleinen Hofstellen die Möglichkeit zur Eigenversorgung gefährden konnte.

Diese Struktur der Rente ermöglichte den Grundherren nur ein eingeschränktes Profitieren von der günstigen Agrarkonjunktur. Die Abgaben an Roherzeugnissen waren zwar prozentual oder absolut festgelegt, jedoch gingen die Quoten faktisch immer weiter zurück, da die Besitzungen oft stark zersplittert waren und die Herrschaftsrechte in unterschiedlichen Händen lagen, was die Kontrolle der bäuerlichen Leistungen erschwerte. Die im 18. Jh. zunehmend praktizierte Umstellung der Abgaben auf reine Geldzahlungen konnte zwar für kleinere Höfe ohne Marktzugang problematisch werden, zeigt aber noch einmal die allgemeine Tendenz der Grundherrschaft zur Versachlichung der alten Herrschaftsbeziehungen zu Wirtschafts- und Pachtbeziehungen.

  3.3.1.3. Vererbung: Geschlossene Vererbung und Realteilung  
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Ebenfalls von hoher Bedeutung für die Besitz und Sozialstrukturen der ländlichen Gesellschaft in der FNZ ist das Erbrecht. Bei der Art und Weise der Vererbung von Höfen und Besitz lässt sich grundsätzlich zwischen der geschlossenen Vererbung (Anerbenrecht) und der Realteilung unterscheiden.

Bei der geschlossenen Vererbung erhält der jeweilige Haupterbe den ungeteilten Hof und das zugehörige Land, so dass die Anzahl und Größe der Hofstellen in Gebieten mit Anerbenrecht relativ konstant bleibt. Allerdings muss der Erbe seine Geschwister auszahlen. Diese Abfindung erreicht allerdings in den seltensten Fällen den realen Wert der Hofstelle und ist zudem meist nur in Ratenzahlung möglich. Zu den Verpflichtungen des Haupterben zählt weiterhin die Versorgung des Altbauernpaares über das Glossar Altenteil, sofern der Hof bereits vor dem Tod beider Elternteile (inter vivos) übergeben wurde, etwa mit der Heirat des Erben.

Die Bestimmung des Haupterben wird regional unterschiedlich gehandhabt. Weit verbreitet sind das Ältestenrecht oder die Vererbung an den jüngsten Sohn (Minorat). Ebenfalls möglich ist, in Ermangelung eines männlichen Erben, die Vererbung an eine Tochter bzw. deren Ehegatten oder auch an ein vom Altbauernpaar frei ausgewähltes Kind. 

Das Anerbenrecht begünstigt eine ausgeprägte soziale Differenzierung innerhalb der ländlichen Gesellschaft, da die Besitzunterschiede zwischen dem jeweils erbenden Kind, dem späteren Vollbauern, und den nicht erbenden Geschwistern erheblich sind. Dies kann zu einer ständischen Abschließung der Vollbauern von den restlichen bäuerlichen Schichten führen. Gelingt keine Unterbringung der „weichenden Geschwister“ durch Einheiraten in andere Hofstellen, sinken sie meist in die unterbäuerliche Schicht der „Neusiedler“ herab oder finden ihr Auskommen im (u.U. lebenslangen) Gesindedienst auf dem geschwisterlichen Gehöft.

Unter Realteilung versteht man dagegen die Aufteilung des zum Hof gehörigen Landes (manchmal sogar der Gebäude) unter allen Erbberechtigten, oder aber die Auszahlung eines Teils der Erben in entsprechender Höhe. Die Folge dieser Verteilung ist eine starke Zersplitterung des Besitzes und damit das Entstehen vieler kleiner Höfe mit meist nur wenigen Hektar Fläche und entsprechend geringer Möglichkeit, die Subsistenz zu sichern. Darin resultiert für Gebiete mit Realteilung durch die große Zahl bäuerlicher Haushalte eine vergleichsweise höhere Bevölkerungsdichte als in Regionen mit geschlossener Vererbung bei gleichzeitig eher homogener Sozialstruktur. 

Die territoriale Eingrenzung dieser Grundtypen des Erbrechts gestaltet sich schwieriger als bei den Agrarverfassungen. Stark vereinfacht betrachtet lässt sich in den östlichen und nördlichen Territorien das Anerbenrecht und entsprechend im Süden und Westen das Realteilungsrecht verorten. In der Praxis finden sich aber fließende Übergänge und viele Zwischenformen der verschiedenen Vererbungssitten, die sogar im selben Dorf bereits variieren können. 

 

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