Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.6. Bäuerlicher Widerstand gegenüber der Herrschaft

3.6.1. URSACHEN VON BÄUERLICHEM WIDERSTAND

von Reemda Tieben

Nach Peter Blickle sind in der FNZ die Ursachen bäuerlicher Rebellion im Reich in drei Bereichen zu suchen, die er als den ökonomischen, den politischen und den ideellen Erklärungsansatz charakterisiert (Literatur Blickle, Modell bäuerlicher Rebellion, 296). 

  1. Der ökonomische Erklärungsansatz 
    Unter dem ökonomischen Erklärungsansatz versteht Blickle die Rebellion der Betroffenen als Reflex auf wirtschaftliche Mehrbelastung. Dazu gehören Erhöhung von Steuern, Abgabenerhöhungen verschiedenster Art, Ausweitung der Zehntforderungen, Vorenthaltungen der herrschaftlichen Gegenleistungen bei Frondiensten, Erhöhung der Dienste selbst, herrschaftliche Eingriffe in die Allmendenutzung und vieles andere mehr. Die Bauern begehrten also gegen steigende Anforderungen ihrer Grund- und Gutsherren oder der Territorialherren auf. Charakteristisch ist, dass es anscheinend nicht um ein Aufbegehren gegen die Armut an sich ging, sondern immer um den Widerstand gegen Neuerungen, die den Bauern eine Verschlechterung ihrer Situation bewusst machten (Literatur Blickle, Unruhen, 80; Literatur Wunder, Zur Mentalität aufständischer Bauern, 32).
  2. Der politische Erklärungsansatz
    Ihm liegt die Auffassung zugrunde, die bäuerliche Rebellion sei eine Auseinandersetzung zwischen dem sich entfaltenden Territorialstaat und der ihre kommunalen Rechte verteidigenden ländlichen Gesellschaft gewesen. 
  3. Der ideelle Erklärungsansatz
    Mit dem ideellen Erklärungsansatz bezeichnet Blickle religiöse Bewegungen als Ursache für bäuerliche Unruhen. 

Die Starrheit der Unterteilung in ökonomische, politische und ideelle Faktoren, die mit Widerstand ursächlich zusammenhängen, begreift auch Blickle als Problem. Denn ein rein wirtschaftlicher Erklärungsansatz qualifiziert den bäuerlichen Widerstand als reaktiv ab und interpretiert den Interessenhorizont der Bauern als beengt. Wirtschaftliche Beschwerden, die von den Bauern selbst vorgetragen wurden, konnten z.B. auch prinzipielleren, politischen Charakter haben. 

Zudem hat Glossar Winfried Schulze kritisiert, dass dieses Verfahren das Charakteristikum der Widerstandsaktionen als „kulturelle Tatbestände” außer Acht lässt (Literatur Schulze, Widerstand der Untertanen, 132). Er wies darauf hin, dass man die bäuerlichen Normen, Werte und Ziele während eines Widerstandes erarbeiten müsste, um die sog. „Reizschwelle“ der Bauern auszumachen (Literatur Schulze, Herrschaft und Widerstand, 187). Denn diese kulturell vermittelte „Reizschwelle”, die durch das als tradiert empfundene Maß an gerechter Herrschaftsausübung und an gerechter wirtschaftlicher Belastung, bestimmt wurde, war im Falle eines Widerstandes überschritten worden. Der vom Historiker „objektiv” feststellbare Grad an wirtschaftlicher, politischer oder ideeller Belastung ist für die Erklärung von Widerstand weniger bedeutsam als die Wahrnehmungen und Einstellungen der Handelnden zur Ausübung von Herrschaft und ihrer wirtschaftlichen Belastung. Die Existenz naturrechtlicher Normen für das Herrschaftsverhalten, die Kenntnis eventuell vorhandener alter Privilegien und das Wissen um die Lebensbedingungen früherer Generationen, welche einen Vergleich aktueller mit früheren Verhältnissen ermöglichte, steuerten das Verhalten von revoltierenden bäuerlichen Gruppen also in erheblichem Maße (Literatur Schulze, Widerstand der Untertanen, 134; Literatur Häberlein, Einleitung, 18).

 

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