Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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zurück   3.3.1. Agrarverfassung und Vererbung
3.4. Funktionen der Landgemeinde  vor


Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.3. Bauern und Herrschaft

3.3.2. TERRITORIALSTAAT UND LÄNDLICHE GESELLSCHAFT

von Antje Flüchter

Betrachtet man die Beziehung zwischen ländlicher Gesellschaft und Territorialherrschaft, muss immer berücksichtigt werden, dass Territorialherrschaft die verschiedensten Formen hatte: Es gab große und kleine Territorien, geistliche und weltliche, auch Reichsstädte konnten die Territorialherrschaft über ländliche Gemeinden inne haben. Seit Mitte des 16. Jh. muss man zudem konfessionelle Unterschiede berücksichtigen. 

„Herrschaft“ ist nicht ohne Gegenpart denkbar. Bis ins 18. Jh. hinein war dies weniger der einzelne Untertan als ein Kollektivorgan – die Gemeinde. Dabei ist die Gemeinde nicht nur als ‚verlängerter Arm’ der Herrschaft zu verstehen, vielmehr war die Herrschaft (Territorial- wie Grundherrschaft) auf die Kooperation der Gemeinde angewiesen. 
Die Territorialherrschaft begann erst im Laufe der FNZ einen ‚Staatsapparat’ auszubilden, der bis in jede Gemeinde vordrang; lange war die Landesherrschaft daher auf lokale Verwaltungsstrukturen angewiesen (verwandte Themen Gemeinde als politisch-rechtlicher Verband).

Die Gemeinde hatte eine Doppelfunktion: Sie regelte genossenschaftlich ihre Angelegenheiten, war aber auch eine Institution des Territorialstaates zur Aufrechterhaltung und Stabilisierung der bestehenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse. Sie war sowohl die Vollzugsinstanz obrigkeitlicher Gesetze und Ordnungen wie die Interessenvertretung nach außen, sei es gegenüber Obrigkeit, Stadt oder Amt.

Im Laufe der FNZ versuchte der Territorialstaat, die vormoderne Gewaltenteilung (zwischen Gemeinde – Grundherrschaft – Territorialherrschaft) zu seinen Gunsten aufzuheben. Doch dies gelang nur teilweise. Dementsprechend war er auf den beiden anderen Ebenen auf Kooperation angewiesen (als Gegenbeispiel zu diesen Entwicklungen im Reich vgl. Frankreich, wo der König viel stärker versuchte, die Grundherren zu entmachten: Literatur Root, Peasants).

Doch obwohl die Landesherrschaft zur Ausübung ihrer Herrschaft auf die ländliche Gemeinde angewiesen war, ist eine institutionalisierte politische Partizipation der ländlichen Bevölkerung (z.B. als Landstand) die Ausnahme. Aktiv partizipiert sie eher in Ausnahmesituationen wie bei Huldigungen (vgl. Literatur Holenstein, Huldigung) beim Herrschaftsantritt eines neuen Landesherren.

Das Interesse der Landesherrschaft an den ländlichen Gemeinden war sicherlich auch durch die Möglichkeit der Erschließung weiterer finanzieller Ressourcen begründet. Wichtiger und tiefgreifender war aber die Durchdringung des ganzen Territoriums: 

  1. durch den Ausbau der landesherrlichen Gesetzgebung und 
  2. durch die Intensivierung des Kirchenregiments im Konfessionellen Zeitalter;
  3. durch das verstärkte wirtschaftliche Interesse der Landesherrschaft an der ländlichen Gesellschaft.
Durch diese Prozesse wurde – wie Heide Wunder es ausdrückte – aus der Herrschaft mit Bauern eine Herrschaft über Bauern (Literatur Wunder, Strukturprinzip). 

nach unten 3.3.2.1. Recht und Gesetzgebung
nach unten 3.3.2.2. Kirchenregiment und Konfessionalisierung
nach unten 3.3.2.3. Landesherrschaft, Steuern und Wirtschaftsreform

 

  3.3.2.1. Recht und Gesetzgebung  
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Die Vereinheitlichung des Rechts war ein wichtiges Instrument, aber auch die Voraussetzung eines staatlichen Gewaltmonopols und damit des Ausbaus der vormodernen Staatlichkeit. Dabei stellte sich immer das Problem: Was ist Recht und wer setzt es fest? (verwandte Themen Widerstand). Die allgemeine Gesetzgebungskompetenz des Herrschers war unbestritten, unklar aber waren die Grenzen dieser Kompetenz zwischen Reich, Kirche, Territorien, Städten und Grundherrschaft. Entscheidend zu Beginn der FNZ war dabei die verstärkte Glossar Rezeption des Römischen Rechts.

Auch auf diesem Gebiet zeigte sich die zunehmende Konkurrenz zwischen Territorialstaat und Grundherren. Die Landesherren bemühten sich immer mehr, in die Rechts- und Sozialordnungen der ländlichen Gesellschaft einzugreifen (z.B. Uniformierung des Erbrechts, Gesindeordnungen, Forstordnungen). Seit dem 15./16. Jh. beginnt die territorialstaatliche Gesetzgebung an Vorrang zu gewinnen, v.a. in der Form von Glossar Policey- und Landesordnungen. Diese Art des Rechts griff insofern stärker in den Alltag der Bevölkerung ein als das alte Gewohnheitsrecht, da diese Ordnungen nicht mehr nur altes Recht und damit den Status quo erhalten sollten, sondern man sich von ihnen auch eine verhaltenslenkende Funktion versprach (vgl. dazu kritische Diskussion: Literatur Schlumbohm, Gesetze; Literatur Landwehr, „Normdurchsetzung“).

In den ländlichen Gemeinden waren es aber nicht nur die landesherrlichen Ordnungen, die das Recht direkt beeinflussten und veränderten. Wichtiger war wohl noch, dass die Inhalte dieser landesherrlichen Ordnungen und Gesetzgebung in den Dorfordnungen des 16. Jh. rezipiert und damit angewandt wurden. Bernd Schildt geht soweit, Dorfordnungen als „im Grunde nur eine spezifisch lokale Form landesherrlicher Gesetzgebung“ zu bezeichnen (Literatur Schildt, Bauern, 73). Durch diese Rezeption verstärkte sich die Wirkung der Policeyordnungen, da sie sozusagen durch die genossenschaftliche Satzungsautonomie in den gemeindlichen Raum transformiert und übersetzt wurden. 

Im Bereich der Gesetzgebung kann also ein im Laufe der FNZ stärker werdender Einfluss der Landesherrschaft festgestellt werden, die vor allem die Rechte der Grundherren, dann aber auch die der gemeindlichen Selbstverwaltung beschränkt. Doch auch dieser Prozess verlief nicht nur von oben nach unten. Der Wandel des rechtlichen Systems antwortete auch auf Bedürfnisse aus der Bevölkerung, „welche dem Disziplinierungsprozess weder passiv gegenüberstehen noch die gesetzliche Norm ablehnen“ (Literatur Weber, Sozialdisziplinierung, 440). Die ländlichen Gemeinden rezipierten nicht nur die Policeyordnungen, in manchen Fällen können sie auch als deren Urheber verstanden werden.

Dazu kommt, dass Gesetze, Ordnungen, Erlasse von der Bevölkerung nicht einfach angenommen oder abgelehnt wurde. Die Normensysteme der Obrigkeit und der ländlichen Bevölkerung stimmten in vielen Punkten nicht überein (z.B. außereheliche Sexualität, Anwendung von Gewalt). Es scheint den Untertanen aber nicht schwer gefallen zu sein, zwischen den verschiedenen obrigkeitlichen und dörflichen Moralcodes hin und herzuwechseln und sie jeweils in ihre eigenen Strategien einzubauen (vgl. Literatur Walz, Kommunikation, 244; Literatur Landwehr, Normdurchsetzung).

  3.3.2.2. Kirchenregiment und Konfessionalisierung   
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Mit der Reformation und dem anschließenden Konfessionalisierungsprozess gelang es der Territorialherrschaft (v.a. der evangelischen) durch die Verdrängung der kirchlichen Institutionen weitere Herrschaftskompetenzen an sich zu ziehen. Eines der vorrangigen Ziele der Konfessionalisierung war ein konfessionell korrektes Verhalten der Untertanen und damit langfristig ihre Disziplinierung (verwandte Themen Kirchengemeinde als Objekt der Kirchenzucht).

Dies wirkte sich auch auf die ländliche Bevölkerung aus. Zwischen 1555 und 1700 institutionalisierten die Landesherren in den meisten Territorien des Reichs landeseigene Behörden zur kirchlichen Aufsicht, verstärkten die Kontrolle von Pfarrern und Seelsorgern, versuchten neue Frömmigkeitsformen zu etablieren und die Gemeindemitglieder durch Sittenzucht und Bildung stärker zu binden und ein vorgegebenes Normengerüst zu implementieren. Ob und wieweit dieser Prozess gelang, ist in der Forschung umstritten (vgl. allg. zu Kritik an Konfessionalisierung und Sozialdisziplinierung: Literatur Schmidt, Sozialdisziplinierung).

Nicht zu bestreiten ist aber, dass im Rahmen des Konfessionalisierungsprozesses neue staatliche Institutionen ausgebildet wurden, die z.B. in der Form von Visitationen in die dörfliche Autonomie eindrangen. Die Obrigkeit begann weitgehende Bereiche des Alltags zu regeln (z.B. Friedhofsordnungen, Gestaltung der Gotteshäuser, Reglementierungen von Festen), besetzte z.B. durch Ehegerichte Positionen, die bisher die Kirche innegehabt hatte. 

Mit der Kontrolle der Geistlichen gewann die Obrigkeit die Möglichkeit, bis zur „Seele“ ihrer Untertanen vorzudringen. Wichtig erscheint auch, dass die direkte Kommunikation zwischen Gemeinden und Territorialherrschaft anstieg. Damit etablierte sich eine weitere Voraussetzung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen (vgl. Literatur Schnabel-Schüle, Kirchenvisitation, v.a. 173). 

  3.3.2.3. Landesherrschaft, Steuern und Wirtschaftsreform   
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Nicht nur die Grundherren schöpften die bäuerlichen Erträge ab, auch wenn diese Abgaben mit fast 1/3 die wichtigste und größte finanzielle Belastung der bäuerlichen Bevölkerung darstellten. Doch es gab auch Abgaben, die direkt an den Landesherren oder gar an den Kaiser bzw. das Reich (z.B. Glossar Römermonat) flossen. Diese nahmen seit dem 16. Jh. ständig zu. Diese Abgaben gab es in Form von indirekten Steuern (z.B. Glossar Ungeld) und als direkte Steuern (Glossar Schatzung und Bede).

Mit dem Ausbau der Staatlichkeit im Laufe der FNZ verstärkte sich der staatliche Finanzbedarf und damit auch der Steuerdruck auf die ländliche Gesellschaft. Viele Landesherren versuchten die grundherrlichen Abhängigkeiten zu verringern, um selbst und direkt Steuern von der ländlichen Bevölkerung abschöpfen zu können. Daraus resultierte vor allem bei einer starken Landesherrschaft seit dem 16. Jh. eine gewisse „Bauernschutzpolitik“ (vgl. Literatur Münch, Lebensformen, 89-90). Bei schwachen Landesherrschaften äußerte sich der erhöhte Finanzbedarf dagegen oft nur in zügellos steigendem Steuerdruck und Beamtenwillkür (vgl. Literatur Schilling, Aufbruch, 142-143). 

Sei dem 17. Jh. hatten die Landesherren der meisten europäischen Länder damit begonnen, eine aktive Wirtschaftspolitik zu betreiben mit dem Ziel die Steuerleistungen der Untertanen zu erhöhen. Der Merkantilismus bzw. Kameralismus hatte sich vor allem auf Handel und Gewerbe konzentriert. Mit dem Aufkommen der Glossar physiokratischen Wirtschaftstheorie rückte im 18. Jh. die Landwirtschaft in das Blickfeld der landesherrschaftlichen Regierung. Die Rezeption der physiokratischen Ideen führte zu obrigkeitlichen Bemühungen, die Rechtsstellung der Bauern gegenüber den Grundherren zu verbessern, die Frondienste zu verbessern oder gar abzuschaffen. Gleichzeitig nahm in der zweiten Hälfte des 18. Jh. die aufklärerische Kritik an der rechtlichen Abhängigkeit der Bauern zu, wichtiger für die seit Ende des 18. Jh. einsetzende Bauernbefreiung waren aber wohl fiskalische Motive und die Durchsetzung des Gedankens, dass selbstständig wirtschaftende Bauern effizienter arbeiteten als abhängige (vgl. Literatur Möller, Fürstenstaat, 144-146). 

 

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