Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft

3.2. Wirtschaftsweise

3.2.3. SUBSISTENZWIRTSCHAFT

von Reemda Tieben

Die vormoderne Ökonomie war eine in mehrerlei Hinsicht eng an die Natur gebundene Wirtschaft: Der Einsatz von Energie und Technik, mit denen in modernen, kapitalistischen Ökonomien die Produktivität der Arbeit gesteigert wird, befand sich auf einem niedrigen Niveau und steigerte sich bis zum 18. Jh. kaum (Literatur Schlögl, Die Agrarkonjunktur im 16. Jahrhundert). Deshalb blieben die agrarische wie gewerbliche Produktion in hohem Maß an natürliche Voraussetzungen gebunden. Schwankungen der Naturverhältnisse wurden sehr schnell zu „Naturkatastrophen“, die sich negativ auf den Wirtschaftsertrag auswirkten. 

Die genannten Makrostrukturen vormodernen Wirtschaftens wurden bedingt durch und waren analog zu besonderen Formen (betriebs-)wirtschaftlichen Verhaltens auf der Mikroebene. Die Forschung hat dafür den Begriff der Subsistenzökonomie geprägt. Er meint, dass individuelles Wirtschaften nicht am Ziel der Gewinnmaximierung, sondern an der Sicherung eines „angemessenen“ Bedarfes orientiert war (Literatur Schlögl, Die Agrarkonjunktur im 16. Jahrhundert). Als Subsistenzwirtschaft wird also eine Wirtschaftsweise bezeichnet, in der die Haushalte (bäuerliche Familienwirtschaften, auch herrschaftliche Haushalte) primär für den Eigenbedarf produzierten. In dieser Wirtschaftsweise fallen Produktions- und Konsumgemeinschaften zusammen, so dass die gesellschaftliche Arbeitsteilung nur wenig ausgebildet war. Subsistenzwirtschaft ist ein typisches Kennzeichen vorindustrieller Gesellschaften; sie steht im Gegensatz zur kapitalistischen Marktwirtschaft der Industriegesellschaften, in der Güter und Dienstleistungen über den Markt verteilt werden (Literatur Pfaffen/Ineichen, Susistenzwirtschaft).

Wirtschaften wurde in der Subsistenzökonomie als „Nullsummenspiel“ begriffen. Aus der Zielsetzung der Subsistenzsicherung und einer Einschätzung der Wirtschaft als „Nullsummenspiel“ ergab sich ein Verhaltensmodell, das von der Forschung mit den Schlagworten Glossar „Mußepräferenz“, Glossar „Risikominimierung“ und Glossar „Unterproduktivität“ bezeichnet wurde. Aus diesen drei Merkmalen einer Subsistenzökonomie ergaben sich drei weitere Merkmale, nämlich die Gebrauchswertorientierung, die im Gegensatz zur Tauschwertorientierung in Wirtschaftssystemen steht, das Prinzip der „ausreichenden Nahrung“, das in der Frühen Neuzeit in der ländlichen Gesellschaft mit dem Quellenbegriff der Glossar „Hausnotdurft“ beschrieben wurde, und das Ziel des Gruppeneinkommens im Gegensatz zum individuellen Einkommen in Wirtschaftssystemen (Literatur Groh, Strategien, 67ff.). Die vormoderne Wirtschaft war - dies ergibt sich aus den letzten Ausführungen - in einem starken Maß „sozial eingebettet“ („embedded economy“) (Literatur Polanyi, The Great Transfomation). Sie war an wirtschaftsfremde Faktoren der sozialen Ordnung gebunden und dementsprechend eine „politische Ökonomie“, d.h. Wirtschaften wurde durch kollektiv orientierte Normen und Entscheidungen geregelt und limitiert (Literatur Schlögl, Die Agrarkonjunktur im 16. Jahrhundert; Literatur Groh, Strategien, 66).

Subsistenzwirtschaft in einer reinen Form existierte wohl zu keiner Zeit. Subsistenzorientierte Haushalte waren nämlich aus zwei Gründen keine geschlossenen Systeme und konnten sich nicht ausschließlich selbst versorgen: Erstens mussten sie gewisse Produkte wie Salz oder Metallwaren fast überall ertauschen oder zukaufen. Zweitens waren sie in herrschaftliche Strukturen eingebunden und deshalb verpflichtet, Überschüsse für die Herrschaft zu produzieren. Wenn anstelle von Naturalabgaben Geldleistungen gefordert wurden, mussten Bauernbetriebe trotz grundsätzlicher Subsistenzorientierung für den Markt produzieren, um sich das notwendige Bargeld zu verschaffen (Literatur Pfaffen/Ineichen, Susistenzwirtschaft).

Zwischen den Agrarzonen differierte der Grad der Selbstversorgung: Als am weitesten von der Subsistenzwirtschaft entfernt gilt das vor- und nordalpine Gebiet, das sich seit dem Spätmittelalter zusehends auf die Produktion von Vieh, Butter und ab dem 16. Jh. von Hartkäse für den Export spezialisiert hatte und nur noch wenig Getreide anbaute (Literatur Pfaffen/Ineichen, Susistenzwirtschaft).

Der Subsistenzgrad unterschied sich auch je nach Schichtzugehörigkeit innerhalb der ländlichen Gesellschaft. Am größten war er im Allgemeinen bei Bauern mit mittleren Höfen, die im Stande waren, zu normalen Zeiten ihre Hausmitglieder zu versorgen. Sie hatten eine niedrige Marktanbindung und traten nur in bescheidenem Maße als Käufer in Erscheinung. Angehörige der unterbäuerlichen Schichten waren als Lohnarbeiter und als Käufer vorwiegend agrarischer Produkte in den lokalen Markt eingebunden. Großbauern erzielten hohe Überschüsse, die sie besonders in Teuerungsjahren mit Gewinn verkaufen konnten (Literatur Pfaffen/Ineichen, Susistenzwirtschaft).

Der wirtschaftliche Aufschwung des Hochmittelalters mit Städtegründungen und Wiederbelebung des Handels gilt als Beginn eines langfristigen, in seinen Ausmaßen allerdings schwierig einzuschätzenden Prozesses der Kommerzialisierung bestimmter Arbeitsbereiche. Zurückgedrängt wurde die Subsistenzwirtschaft ebenso durch die Protoindustrialisierung: Heimarbeiter konsumierten agrarische und gewerbliche Produkte und verfügten über Einkommen. Insgesamt betrachtet muss man aber trotz dieser Entwicklungen für die FNZ von einer Mischform von Subsistenzwirtschaft und Marktwirtschaft ausgehen. Für den Großteil der Bevölkerung blieben die Deckung des Eigenbedarfs und „Risikominimierung”, „Mußepräferenz” und „Unterproduktivität” Leitprinzipien des wirtschaftlichen Handelns. Erst durch Agrarmodernisierung und Industrialisierung veränderte sich die Wirtschaftsweise zu einer Markwirtschaft (Literatur Pfaffen/Ineichen, Susistenzwirtschaft). 

 

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