Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.4. Funktionen der Landgemeinde

3.4.2. GEMEINDE ALS POLITISCH-RECHTLICHER VERBAND

von Antje Flüchter

Die ländliche Gemeinde stellt in politisch-rechtlicher Hinsicht die Institution dar, welche die sie unmittelbar betreffenden Angelegenheiten regelte. Arbeits-, Sozial- und politische Ordnung waren dabei schwer zu trennen. Die wichtigsten Aufgabenbereiche waren:

  1. die Organisation von dörflicher Arbeit und Wirtschaft;
  2. der Schutz der genossenschaftlichen Interessen;
  3. die lokale Rechts- und Friedenswahrung und dementsprechend die Wahrung des dörflichen Friedens;
  4. die autonome oder von herrschaftlicher Seite übertragene Wahrnehmung politisch-herrschaftlicher Funktionen (verwandte Themen Territorialstaat und ländliche Gesellschaft).
Zur ländlichen Gemeinde im politischen Sinne gehörten ähnlich wie in der Stadt nicht alle Einwohner, sondern diejenigen, die an den kommunalen Rechten wie Pflichten teilnahmen. Dies waren vor allem die reicheren Einwohner, die Hausväter, die eine eigene Hofstelle besaßen und/oder eine Parzelle innerhalb der Dorfgemarkung bewirtschafteten. Diese Gruppe wird oft als Glossar Nachbarn oder Dorfpatriziat bezeichnet. Die Aufnahme in die Landgemeinde wurde meist von dieser autonom entschieden. Voraussetzung waren dafür vor allem die Vermögensverhältnisse, teils auch die ehrliche und eheliche Abkunft des Anwärters. In der Mehrheit bestand die Gemeinde aus Männern, nur in Ausnahmefällen kam es vor, dass Witwen, die einem Haushalt vorstanden, teilnahmeberechtigt waren. Im Laufe der FNZ wurden allerdings auch zunehmend nicht Glossar „spannfähige“ Kleinstellenbesitzer in die Gemeinde aufgenommen. Der verfassungsgeschichtliche Blick auf die ländliche Gemeinde, der sich vor allem auf Institutionen und Ämter sowie politische Partizipationsmöglichkeiten konzentriert, wird in der aktuellen Forschung kritisiert (z.B. Literatur Troßbach, Historische Anthropologie, 104ff.). Die Gemeinde als politisch-rechtlicher Verband ist eine und nicht die einzige Perspektive auf die ländliche Gesellschaft. 

Bei den mehr oder weniger selbstverwaltenden Kompetenzen und Handlungsmöglichkeiten der ländlichen Gemeinde ist es schwierig, allgemeine Aussagen zu treffen. Die folgenden (allgemeinen) Strukturmerkmale beziehen sich auf ländliche Gemeinden, die in einem Dorf zusammenlebten. In Regionen, in denen Einzelhöfe oder Streusiedelungen vorherrschten, entwickelten sich andere Formen der kommunalen Kooperation. Wieweit es einer Gemeinde gelang, unabhängige Verwaltungsstrukturen auszubilden, lag an ihrem Verhältnis zur Grundherrschaft. Dieses Verhältnis gestaltete sich regional sehr verschieden: Es reichte von gegenüber der Grundherrschaft relativ freien Gemeinden (verwandte Themen Kommunalismus), über Gemeinden mit einem oder mehreren Grundherren bis hin zur Zugehörigkeit zu einer Gutsherrschaft. Hinzu kam im Verlauf der FNZ eine regional unterschiedlich verlaufende Durchdringung des ländlichen Raumes durch die Landesherrschaft.

Die Gemeinde war nicht nur Befehlsempfängerin der Landes- und Grundherrschaft. Die ältere historische Literatur verstand die ländlichen Gemeinden vor allem als unterdrückt und machtlos (z.B. Otto Brunner und Günther Franz). Dies entsprach durchaus der Sicht und dem Willen der frühneuzeitlichen Obrigkeit, welche die Bauern als unmündige Untertanen in den Herrschaftsverband integrieren wollten. Seit der sozialwissenschaftlichen Wende, den Arbeiten Peter Blickles (verwandte Themen Konzept des Kommunalismus) und noch intensiver mit den neueren Ansätzen der Historischen Anthropologie wird aber betont, dass die ländlichen Gemeinden ihr politisches und soziales Leben, zumindest sofern es die Gemeinde bzw. das Dorf selbst betraf, selbstständig und autonom regelten. Dennoch benötigte die bäuerliche Selbstverwaltung meist eine herrschaftliche Absicherung bzw. Zustimmung. Diese wurde aber kaum verweigert. Denn lange Zeit verfügte die Herrschaft gar nicht selbst über einen Verwaltungsapparat, der diese Funktionen hätte erfüllen können. Die Landesherrschaft war also auf die Verwaltungskompetenzen der Gemeinden angewiesen. Die Gemeinde als politisch-rechtlicher Verband funktionierte daher in Kooperation oder Konkurrenz zu grund-, gerichts-, orts- und landesherrschaftlichen Instanzen. 

Die Landgemeinde als politisch-rechtlicher Verband manifestierte sich vor allem in zwei Bereichen:

  1. institutionell in den Gemeindeämter und Gemeindeinstitutionen;
  2. rechtlich in den Dorfordnungen und Weistümer.
 

nach unten 3.4.2.1. Institutionen und Ämter
nach unten 3.4.2.2. Gemeinde und Recht

 

  3.4.2.1. Institutionen und Ämter  
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Die Amtsträger, die vor allem mit kommunalen Aufgaben betraut waren, wurden oft von der Gemeinde selbst gewählt, während diejenigen, deren Aufgaben herrschaftliche Interessen betrafen, eher von der Herrschaft selbst eingesetzt wurden.

Der zentrale Ort der bäuerlichen Selbstverwaltung war die Glossar Gemeindeversammlung, die mehrmals im Jahr zusammentrat. Der leitende Ortsbeamte war der Glossar Ortsvorsteher. Sein Amt war durch eine „Janusköpfigkeit“ gekennzeichnet, war der Ortsvorsteher doch sowohl der Repräsentant der Dorfgemeinde als auch der Vertreter der Herrschaft im Dorf (Literatur Holenstein, Bauern, 19; Literatur Dülmen, Dorf, 49). Mit dem Ausbau der landesherrlichen Verwaltungstätigkeit wurden die Ortsvorsteher stärker zu landesherrlichen Agenten herangezogen (verwandte Themen Territorialstaat und ländliche Gesellschaft), gleichzeitig spielten sie aber auch oft eine wichtige Rolle im bäuerlichen verwandte Themen Widerstand. Daneben gab es Glossar kollegiale Organe der gemeindlichen Selbstverwaltung. 

Zur gemeindlichen Selbstverwaltung gehörte auch die interne Rechts- und Friedenswahrung und damit eine auf die Gemeinde bezogene Satzungs- und Strafkompetenz. Die Gemeinde erließ Gebote und Verbote (Bauernwillküren, -beliebungen) und bestrafte deren Übertretungen durch die Glossar dörfliche Gerichtsbarkeit. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die Rechts- und Friedenswahrung nicht nur durch diese institutionalisierte Form dörflicher Gerichtsbarkeit ausgeübt wurde. Ebenso wichtig war die soziale Kontrolle durch verschiedene und mit der Gemeinde im politisch-rechtlichen Sinne nicht identische Gruppen, wie den Frauen oder den Burschenschaften (Glossar Rügebrauchtum, Charivari), oder durch soziale Sanktionen wie dem Ausschluss aus Heiratskreisen.

Obendrein gab es auch noch verschiedene Glossar bezahlte Bedienstete einer Gemeinde, kirchlich definierte Amtsträger und nicht zu vergessen die Glossar Hebamme

  3.4.2.2. Gemeinde und Recht  
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Auch die innere und rechtliche Ordnung in den ländlichen Gemeinden entwickelte sich regional verschieden und im Rahmen wie in Wechselbeziehung zur herrschaftlichen Umwelt. Dietmar Willoweit sieht diese Entwicklung zwischen den Polen von Verbot und Zwang (Zwing und Bann des Gerichts- oder Grundherren) und Schöffenrecht und Einung der ländlichen Gemeinden (Literatur Willoweit, Verfassungsgeschichte, 90). Hier soll der Schwerpunkt auf Letzterem liegen.

Die Gemeindeverfassung wie andere rechtliche Regeln des Zusammenlebens in einer Gemeinde wurden durch Glossar Dorfordnungen und Weistümer bestimmt. Dorfordnungen und Weistümer hatten einen gewohnheitsrechtlichen Inhalt, lokale Geltung und regelten verschiedene Aspekte der bäuerlichen Lebensverhältnisse (Fragen der Gemeindeverfassung und -organisation, Regelung der Landwirtschaft, der Sicherung des Dorffriedens, der Taxierung von Bußen etc.) (Literatur Werkmüller, Weistümer). 

Diese Form eines rechtlichen Rahmens der dörflichen Gemeinde gab es in ihrer vollen Ausprägungen nicht überall, aber wesentliche Elemente lassen sich in allen Dorfverfassungen finden. Dazu gehört aber immer die Absicherung der öffentlichen Ordnung, sowie dass dörfliche Angelegenheiten von Mitgliedern der Dorfgemeinde wahrgenommen wurden. 

Weistümer, Dorf- bzw. Gerichtsordnungen gehören zu den zentralen Quellen der Geschichte der ländlichen Gesellschaft. 

Diese Verschriftlichung des ländlichen Rechts setzte im Spätmittelalter ein und erreichte seinen Höhepunkt zwischen 1450 und 1600. Im Verlaufe des 16. Jh.s gewannen – auch unter dem Einfluss der Konfessionalisierung – sitten- und kirchpolizeiliche Anordnungen an Gewicht. So wurde nun vielfach Fluchen und Gotteslästerungen aber auch Spielen und Tanzen unter Strafe gestellt. Im 17./18. Jh. ersetzten zunehmend obrigkeitlich erlassene Dorfordnungen die alten Weistümer. In diesem Prozess spiegelt sich der Übergang vom herkömmlichen Gewohnheitsrecht zum Gesetzesrecht. Bei dieser Umstellung kam es häufig zu Protesten, vor allem wenn die Gemeinden ihr „gutes altes Recht“ bedroht sahen (vgl. Glossar Chronologie). 

 

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