Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.6. Bäuerlicher Widerstand gegenüber der Herrschaft

3.6.2. NORMEN UND WERTE

von Reemda Tieben

Wie im Kapitel „Ursachen von bäuerlichem Widerstand“ erwähnt, entstand Widerstand nicht aus einer allgemein bedrückten Lage der Bauern im Gegensatz zu ihren Feudalherren, sondern eine gewisse „Reizschwelle“ musste überschritten und vom Historiker benannt werden, um zu erklären, warum, wann und wo Widerstand entstand. Diese regional verschiedenen Reizschwellen werden nach Winfried Schulze durch das als tradiert empfundene Maß „gerechter Herrschaftsausübung“ bestimmt (Literatur Schulze, Herrschaft und Widerstand, 187). Mit gerechter Herrschaftsausübung ist eine rechtlich und wirtschaftlich bestimmte Praktizierung von Herrschaft angesprochen, die durch die Untertanen der Herrschaft einer legitimen Normenkontrolle unterzogen ist. 

Die wichtigsten dieser Kontrollnormen der bäuerlichen Bevölkerung waren:

  1. „Gemeiner Nutzen“ 
    Das Begriffspaar „gemeiner Nutzen“ und „Eigennutz“ lässt sich als Kern des Normensystems der ständischen Gesellschaft vom späten Mittelalter bis in das 18. Jh. bezeichnen. Der „gemeine Mann“ legitimierte sein aufständisches Verhalten damit, dass die Grund- oder Landesherren sich nicht mehr am „Gemeinnutz” orientierten (Literatur  Schulze, Vom Gemeinnutz zum Eigennutz, 598f.). In diesem Zusammenhang sieht Peter Blickle den „Gemeinnutz“ in seinem verwandte Themen Kommunalismuskonzept als zentralen Wert von Gemeinden, v.a. wenn diese sich im Widerstand gegen ihre Herrschaft befanden (Literatur Blickle, „Handarbeit”, „gemeiner Mann”, 237; Literatur Blickle, Begriffsbildung, 16).
  2. „Auskömmliche Nahrung“
    Allgemein akzeptiert war in der ständischen Gesellschaft die naturrechtliche Vorstellung, dass es jedem Menschen erlaubt sein musste, einen Angriff auf sein Leben abzuwehren. Der Wert der „Hausnotdurft“ oder der „auskömmlichen Nahrung“, wie ein anderer zeitgenössischer Begriff lautet, besagte, dass jedem „Haus“ eine seiner Größe und Ausstattung entsprechende Auskömmlichkeit zu sichern war. Die Kennzeichnung als Not-Bedarf verwies auf den damit einhergehenden notrechtlichen Anspruch auf eine ausreichende Versorgung. Die Gewährleistung des Notbedarfs wurde, wenn nötig, zur Beschränkung von herrschaftlichem Interessenegoismus genutzt, da für jedes „Haus“ ein Anrecht auf den Schutz seiner Existenz bestand, die man in den Augen der Zeitgenossen rechtmäßig auch mit Gewalt verteidigen durfte (Literatur Blickle, Nahrung und Eigentum, 76-85; Literatur Blickle, „Handarbeit”, „gemeiner Mann”, 237; Literatur Schulze, Herrschaft und Widerstand, 191).

 

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