Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.6. Bäuerlicher Widerstand gegenüber der Herrschaft

3.6.3. MITTEL DES KONFLIKTAUSTRAGES

von Reemda Tieben

Winfried Schulze schlägt vor, zwischen latentem und offenem Konfliktaustrag zu unterscheiden:

  1. In der Phase des latenten Widerstandes entsteht die Unzufriedenheit über eine bestimmte Situation und die Widerständigen nähern sich einer „Reizschwelle“ an.
  2. Ist diese überschritten, so ergeben sich die offenen Formen des Widerstandes nicht in einer festlegbaren Stufenfolge, sondern in Abhängigkeit von der ökonomischen Situation der Bauern, der politischen Struktur des Territoriums und den Inhalten und Zielen der Bewegung (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 90). Zum offenen Widerstand gehören oft die Beschwerde, die Huldigungsverweigerung, der Einigungseid (Literatur Holenstein, Die Huldigung der Untertanen; Literatur Holenstein, Seelenheil und Untertanenpflicht) die Abgaben- oder Dienstverweigerung, die Einschaltung von Schiedsrichtern oder übergeordneten Instanzen wie Gerichten, des Kreis-, Land-, Reichstages und des Kaiserhofes und das Mittel der Gewalt (Literatur Blickle, Modell bäuerlicher Rebellion, 305f.). Eine spezielle und seltene Form des Widerstandes ist das „Austreten” einer Gemeinde aus dem Herrschaftsgebiet ihres Landesherrn (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 93f.). Winfried Schulze differenziert in Bezug auf diese Mittel noch einmal zwischen manifesten Formen des Widerstandes (nicht gewaltsamen Formen) und gewaltsamen Formen des Konfliktaustrages (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 95-114).

Nach dem Bauernkrieg und im weiteren Verlauf der FNZ lässt sich eine Glossar Verrechtlichung der Konflikte zwischen Bauern und Herrschaft feststellen: Winfried Schulze verwies auf die seit dem 16. Jh. ausgebauten Möglichkeiten für die Untertanen, ihre Konflikte mit einem Herren durch das Anrufen einer höheren Obrigkeit, eines höheren Gerichts zu lösen und so prozessualen Widerstand auszuüben. Zum Beispiel wurden Mittel und Wege für die bäuerlichen Untertanen zur Verfügung gestellt, in einem Konflikt mit dem Grundherren an den territorialen Gerichten und bei Streitigkeiten mit reichsunmittelbaren Herren am Verwandte Themen Reichskammergericht Hilfe zu finden (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 76ff. u. 106-110; Literatur Schulze, „Rechte der Menschheit“, 46-50). 

Die Zunahme der bäuerlichen Beschwerde- und Prozesstätigkeit an territorialen und Reichsgerichten zeige, dass die Möglichkeiten zu gerichtlichen Klagemöglichkeiten von den bäuerlichen Untertanen vermehrt ergriffen wurden (Literatur Schulze, Veränderte Bedeutung sozialer Konflikte, 288; Literatur Troßbach, Bäuerlicher Widerstand in deutschen Kleinterritorien, 4f.). Bewusst wurde die starke Aufsplitterung der Herrschaftsrechte im Reich ausgenutzt, so dass die Untertanen verstärkt an den Kaiserhof nach Prag und später nach Wien, zum Kreis- oder Reichstag oder zum Reichskammergericht nach Speyer oder Wetzlar zogen. Der prozessuale Widerstand durch den Gang an ein höheres Gericht war im Verständnis der Gemeinden, als Basisorganisationen von Widerstand, fest verankert. Er bot für die Gemeinden zwei wichtige Vorteile: Sie konnten sich einmal durch die Beschwerde an ein höheres Gericht von dem Verdacht reinigen, sich gänzlich von Herrschaft befreien zu wollen. Zum anderen bot die Unterstellung unter das höhere Gericht die Gewähr, Schutz vor ihrem Herrn zu finden (Literatur Schulze, „Rechte der Menschheit“, 50ff.).

 

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