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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft

3.2. Wirtschaftsweise

3.2.4. AGRARKONJUNKTUREN, MARKTBEZIEHUNGEN

von Markus Baltzer

Konjunkturelle Schwankungen stehen für die Fluktuationen von Glossar Produktionsfaktoren und ihren Glossar Renten sowie für die Glossar Fluktuation von Preisen (absolut in Form von Inflation und Deflation sowie relativ zwischen verschiedenen Gütern und Produktionsfaktoren). Bis zum 19. Jh. stellten die Preise von Agrarprodukten, insbesondere die von Getreide (Weizen, Roggen) die wichtigsten Indikatoren für konjunkturelle Schwankungen dar. 

Dabei wiesen Agrarkonjunkturen eine ganz unterschiedliche Periodizität auf. Bis ca. 1850 spielte die nicht parallel verlaufende Entwicklung der Bevölkerung und der landwirtschaftlichen Ressourcen in den konjunkturellen Schwankungen eine wichtige Rolle. Verantwortlich dafür war ein Kreislauf, der dadurch in Gang gesetzt wurde, dass mit zunehmender Bevölkerung vermehrt schlechte Böden für den Anbau von Grundnahrungsmitteln erschlossen wurden, so dass das Glossar Grenzprodukt der Arbeit und damit der Reallohn sank. Dadurch entstanden unterbäuerliche Betriebe, deren landwirtschaftliche Erträge den Eigenbedarf nicht mehr decken konnten, so dass sie Grundnahrungsmittel auf dem Markt zukaufen mussten. Die steigende Nachfrage führte entsprechend zu Preissteigerungen bei den Grundnahrungsmitteln.

Diagramm Diagramm: Bevölkerungsentwicklung

Anhand von Getreidepreisreihen lassen sich folgende langfristigen konjunkturellen Schwankungen identifizieren: 

Diagramm Diagramm: Langfristige Entwicklung der Getreidepreise

  1. Aufschwung des „langen 16. Jahrhunderts“: Vielerorts stiegen Preise und Bevölkerung seit dem Ende des 15. Jh.s an, so dass anders als im Spätmittelalter nicht Absatzkrisen sondern Versorgungskrisen das Bild bestimmten. Diese zeichneten sich dadurch aus, dass in den Teuerungsjahren eine Preisschere zwischen dem für das Grundnahrungsmittel Brot benötigten Getreide und den „besonderen“ Nahrungsmitteln wie Fleisch, Butter und Schmalz zu beobachten war. Während die Preise für die „Luxusgüter“ genauso wie die Preise für Holz, Kohlen, textile Rohstoffe und Fertigwaren wenn überhaupt nur wenig zulegten, kam es bei den Getreidepreisen zu dramatischen Anstiegen (gemessen in Silbergewicht stieg der Getreidepreis in Deutschland von 1500 bis 1600 um das Zweieinhalbfache, in England um das Vierfache und in Frankreich um das Fünffache). Dies hatte zur Folge, dass der größte Teil des Lohnes für den Grundbedarf aufgewendet werden musste, was wiederum einen sinkenden Absatz der anderen Waren nach sich zog, wodurch letztlich eine höhere Arbeitslosigkeit gefördert wurde. Der Verknappung des Warenangebots folgten während des Dreißigjährigen Krieges eine Reihe von Hungersnöten in Deutschland.
  2. „Krise des 17. Jahrhunderts“ (vgl. oben „langes 16. Jahrhundert“): In dieser Phase ist ein Rückgang bzw. eine Stagnation von Bevölkerung und Getreidepreisen zwischen dem zweiten Viertel des 17. Jh.s bis vielerorts Mitte des 18. Jh.s zu beobachten. Verglichen mit dem übrigen Europa fielen die deutschen Getreidepreise vom zweiten zum dritten Viertel des 17. Jh.s am stärksten, bevor sie sich dann umkehrten, was vermutlich mit der Bevölkerungsbewegung in den deutschen Territorien zu erklären ist. Bei den Preisen für gewerbliche Erzeugnisse und bei den Löhnen ist eher ein verhaltener Rückgang bzw. eine Stagnation in diesem Zeitraum zu beobachten.
  3. Der Zyklus der industriellen Revolution: Ab der zweiten Hälfte des 18. Jh.s kommt es wieder zu einer verbreiteten Bevölkerungszunahme. In diesem Zusammenhang ist auch wieder ein Preisanstieg der Agrarprodukte zu beobachten, während die Löhne zurückblieben. Nach der Glossar Subsistenzkrise von 1815/17 erfolgte ein allgemeiner Preisrückgang, der u.a. dank einer Produktivitätssteigerung durch die Industrialisierung und die Agrarreformen zustande kam. Gleichzeitig war aber auch ein Unterkonsum (Pauperismus) zu beobachten.

Grundsätzlich setzten im Laufe des 18. Jh.s eine Reihe miteinander zusammenhängender grundlegender Wandlungsvorgänge ein. Dazu gehörten neben dem Bevölkerungswachstum die Kommerzialisierung der Landwirtschaft, die Expansion des ländlichen Gewerbes („Protoindustrialisierung“), die „Finanzrevolution“ und die Etablierung eines weltweiten Handelssystems. Gerade im 18. Jh. war aufgrund des starken Bevölkerungswachstums der zu Beginn beschriebene Kreislauf zu beobachten, der dazu führte, dass es zu einer weiteren großen Expansionsphase der Anbauflächen kam. Dies allein reichte jedoch nicht zur Versorgung der größer gewordenen Bevölkerung aus, so dass dies und die steigende Nachfrage zu einer Intensivierung der gewerblichen Warenproduktion, der so genannten „Proto-Industrialisierung“ führten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass anders als in der Industriegesellschaft (spätes 19. Jh.) eine „gute“ Agrarkonjunktur in der Zeit davor in der Regel gerade keine Steigerung des Lebensstandards der breiten Bevölkerung bedeutete, sondern vielmehr Massenarmut und soziale Ungleichheit nach sich zog.

verwandte Themen: Wirtschaftliche Grundstrukturen und Entwicklungen

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