Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.7. Ländliches Leben

3.7.2. KOMMUNIKATION UND KONFLIKT IN DER LÄNDLICHEN GESELLSCHAFT

von Antje Flüchter

Das Alltagsleben der ländlichen Bevölkerung in der FNZ war nicht nur durch die beschriebenen Institutionen und Strukturen geprägt (Verwandte Themen Gemeinde als Wirtschaftseinheit, Verwandte Themen Gemeinde als politisch-sozialer Verband, Verwandte Themen Gemeinde als Kirchengemeinde), ebenso wichtig - wenn nicht im Alltag wichtiger - waren andere Kommunikationsstrukturen und Konfliktmuster.

Die Quellen der Ehe- und Sittengerichte zeugen von einer konfliktreichen Gesellschaft. Neben Klagen wegen Beleidigungen und Ehrverletzungen ging es meist um die Wahrung und Sicherung von Besitz, Eigentum und materiellen Interessen. Rainer Walz beschreibt daher die dörfliche Kultur als generell agonal, als „eine Kultur, die nicht nur durch die Konkurrenz um Güter, sondern noch mehr durch die Art des Kampfes um diese bestimmt war“ (Literatur Walz, Kommunikation, 221). Dies entspricht dem ethnologischen Konzept des Glossar Limited Good, welches in der historischen Forschung auch auf die vormoderne Gesellschaft angewandt wird.

Um die Stabilität der Gemeinschaft zu erhalten, gab es allgemeine Verhaltensnormen, die durch eine System von Belohnungen und Sanktionen sichergestellt wurden. Dies geschah nicht nur über die Dorfgerichte, sondern durch Glossar Rügebräuche gemeindlicher Gruppen, wie den Frauen oder der Jugend.

Bildquelle: Charivari

Jede diese Gruppen hatte ihre weitgehend autonomen Räume und Befugnisse. Jede Gruppe besaß ihre eigenen Kommunikationsnetze: Die Hausväter trafen sich in der Gemeindeversammlung, die Männer im Wirtshaus, die Frauen an den dorföffentlichen Arbeitsplätzen (Brunnen, Waschplatz etc.) und bei der Wahl der Hebamme, die Jugend traf sich in den Glossar Spinnstuben. Während die ältere Forschung die als politisch verstandenen Institutionen in den Mittelpunkt stellte, wird in der neueren Forschung die Bedeutung informeller Strukturen und Machtformen hervorgehoben (vgl. Literatur Rogers, Female Forms). Vor allem die als „Klatsch“ missverstandene weibliche Kommunikation war eben nicht nur „Klatsch“, sondern formte die öffentliche Meinung und dadurch auch die männlichen ‚politischen’ Entscheidungen.

„Gemeinde“ war demnach nicht nur die Gemeinschaft der Hausherren und Nachbarn. Vielmehr ergaben sich zu den verschiedenen Anlässen unterschiedliche Fraktionen und Gemeindevertretungen, es gab nicht die eine Gemeinde sondern „verschieden definierte Kollektivsubjekte“ (Literatur Troßbach, Individuum, 204).

Ein wichtiges Element der dörflichen Kommunikation und Interaktion war wie allgemein in der Vormoderne die Ehre. Der Ehre wird mittlerweile eine „Schlüsselstellung“ für das Verständnis der Vormoderne zugesprochen. Die Ehre bezog sich auf den Stand, dem ein Individuum angehörte, auf den Beruf, aber eben auch auf das Geschlecht (vgl. Literatur Dinges, Ehre). Die Ehre des Einzelnen ist von der Öffentlichkeit in seiner Gemeinschaft abhängig, sie kann als soziale Wertschätzung zugeteilt, aber auch entzogen werden, und ist insofern ein klassisches Beispiel für das „symbolische Kapital“ (verwandte Themen Bourdieu).

Die dörfliche Interaktion kannte eine ganze Bandbreite an Ehrkonflikten, die von verbaler Ehrminderung bis zur Gewaltanwendung reichte. Das Schelten war die ungefährlichste Form der Ehrminderung, doch in einer oralen Gesellschaft hat das Wort eine weitaus größere Bedeutung als heutzutage. Gegenüber Männern überwog der Vorwurf des Diebstahls. Gegenüber Frauen war die Beschimpfung meist sexuell aufgeladen, da die Ehre einer Frau vor allem auf ihren Körper bezogen war.

Diagramm: Beleidigungen

Auf eine verbale Ehrminderung musste reagiert werden (Retorsion). Dies konnte ebenfalls verbal geschehen oder man klagte vor Gericht. Aber auch die Anwendung von Gewalt galt den Gemeindemitgliedern als legitimes Mittel, um die beschädigte Reputation wiederherzustellen und damit sein soziales Kapital wiederzuerlangen (die Obrigkeit sah die Anwendung von Gewalt durchaus anders). Aber auch wenn die dörfliche Gemeinschaft in diesen Schilderungen als gewalttätig erscheint, muss berücksichtigt werden, dass es sich nicht um Gewalt in blinder Leidenschaft handelte, sondern die Beteiligten sich an ein „grob vorbestimmtes Eskalationsschema“ hielten (Literatur Frank, Ehre, 336). 

 

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