Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.4. Funktionen der Landgemeinde

3.4.3. GEMEINDE ALS KIRCHENGEMEINDE

von Antje Flüchter

Gemeinde als Kirchengemeinde konstituierte sich durch die Pfarrkirche, die meist der Mittelpunkt eines Dorfes war. Die Verbindung zwischen Dorf und Kirchengemeinde war in den meisten Regionen des Reichs im Laufe des Spätmittelalters immer enger geworden. 

 

nach unten 3.4.3.1. Die Kirche als Bereich der gemeindlichen Selbstverwaltung
nach unten 3.4.3.2. Die Kirchengemeinde als Sakralgemeinde bzw. als Kultverband
nach unten 3.4.3.3. Die Kirchengemeinde als Objekt und Subjekt der Kirchenzucht

 

  3.4.3.1. Die Kirche als Bereich der gemeindlichen Selbstverwaltung  
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Der genossenschaftliche Charakter der Pfarrgemeinde hatte sich zusammen mit ihrer politischen Selbstorganisation ausgebildet (Literatur Borgolte, Kirche, 100-101). Wie sich verwandte Themen „Gemeinde als sozial-politischer Verband“ im Spannungsfeld zwischen gemeindlicher Selbstverwaltung, Grundherr und Landesherr befand, steht die Kirchengemeinde zwischen Selbstverwaltung, Patronatsherr und kirchlichen Institutionen. 

Die Kirchengemeinde musste für den Unterhalt des Pfarrers sowie der Kirchengebäude und den Friedhof aufkommen. Ihre Einnahmen setzten sich vor allem aus dem Glossar Zehnt und den Kirchenbußen zusammen. Verwaltet wurde sie durch die Institution der Glossar Kirchenpflegschaft, die mit dem Niedergang des Glossar Eigenkirchenrechts entstanden war.

Zu einer Kirche gehörten zwei Vermögensmassen: 

  1. Das Pfarrkirchenvermögen oder die Glossar Pfarrpfründe, die unmittelbar für den Lebensunterhalt des Pfarrers bestimmt war, über die dieser also das Nutznießerrecht hatte. 
  2. Das Vermögen, das aus Glossar Stiftungen u.ä., herrührte, die so genannte fabrica ecclesiae. Dieser Teil unterstand der Aufsicht der Glossar Kirchenmeister und sollte für den baulichen Unterhalt der Kirche, die Kirchenbeleuchtung und ähnliches verwandt werden. 
Ähnlich wie bei den „weltlichen“ Beamten einer Gemeinde war auch die Selbstständigkeit der Kirchenpfleger regional verschieden. Mancherorts waren sie dem Glossar Patronatsherren rechenschaftspflichtig oder die Rechnungslegung über das Kirchenvermögen wurde durch landesherrliche Beamte, Schöffen und Kirchmeister überwacht.

Die Kirchenpfleger waren oft mit den gemeindlichen Amtsträgern identisch, meist wurden sie ebenfalls von der Gemeindeversammlung bestimmt.

Welchen Einfluss diese Kirchmeister auf das geistliche Leben der Pfarrei hatten, ist umstritten. Auch wenn kirchenrechtlich der Gemeinde keine Mitsprache in geistlichen Angelegenheiten zugesprochen wurde, übte sie doch eine gewisse Kontrolle über ihren Geistlichen aus, so in bezug auf die Residenzpflicht, die Pünktlichkeit der Messen, die Form der Sakramentsspendung, aber auch auf den Lebenswandel der Geistlichen. 

  3.4.3.2. Die Kirchengemeinde als Sakralgemeinde bzw. als Kultverband  
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Die Kirchengemeinde bildete aber vor allem eine Kult- oder Sakralgemeinschaft. Religion wie magisches Weltbild prägte die ländliche Gesellschaft der FNZ. Die Kirche und ihre Riten strukturierten das Leben ihrer Mitglieder (v.a. Taufe, Hochzeit, Tod – rites des passages) wie den Jahresverlauf (kirchliche Hochfeste, Erntedank). Die Kirche versprach mit ihren Heilsgütern die Sicherung des Seelenheils, brachte aber durch Prozessionen und andere Riten auch den göttlichen Segen auf die Felder und andere Bereiche des ländlichen Wirtschaftens. Dabei sind die eigentlich kirchlichen Riten von volksmagischen Bräuchen zu unterscheiden. 

In dieser Hinsicht hatte – vor allem der katholische – Pfarrer eine wichtige Mittlerfunktion zwischen Kirche/Himmel und Welt. Typisch für die FNZ ist aber, dass diese Funktion des Pastoren ihn nicht unbedingt über die Gemeinde heraushob. Vielmehr ist charakteristisch, dass die Gemeinde ihren Geistlichen als Tauschpartner ansah: Für ihre Abgaben hatte der Geistliche sie mit Sakramenten und anderen Dienstleistungen zu versorgen. Diese Ansprüche auch durchzusetzen war für die Gemeinde auch eine Frage der Ehre. Dementsprechend werden in vielen Konflikten zwischen Gemeinden und ihren Geistlichen wirtschaftliche und pastorale Aspekte verknüpft.

Betrachtet man die Kirchengemeinde als Sakralgemeinde machen sich naturgemäß die Kirchenspaltung die Ausbildung verschiedener Konfessionskulturen im Laufe des 16. und 17. Jh. besonders bemerkbar. Beide evangelischen Kirchen bekämpften Reste katholischer Frömmigkeitspraktiken (Anbetung des Altarsakraments, Wallfahrten, Bilderverehrung) und versuchten Aberglauben, Segenssprechen, magische Riten auszurotten. Volksmagische Elemente blieben am stärksten in der katholischen Konfession erhalten, wurden aber auch hier von den kirchlichen Institutionen streng reglementiert.

Weitere Veränderungen ergaben sich durch die religiösen Entwicklungen im weiteren Verlauf der FNZ, so veränderte auf lutherischer Seite der Pietismus das Erscheinen des dörflich-religiösen Lebens.

Kirchengemeinde als Kultgemeinde bedeutet aber auch die Schaffung von Gruppenidentität, sei es bei Begräbnissen oder in Bruderschaften. Aber auch andere kirchliche Feste waren eben auch gesellschaftliche Ereignisse. Dieser gesellschaftliche Aspekt rückte vor allem gegen Ende der FNZ mit einer zunehmenden Säkularisierung in den Vordergrund.

  3.4.3.3. Die Kirchengemeinde als Objekt und Subjekt der Kirchenzucht  
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Die Kirchengemeinde waren auch Ort obrigkeitlicher Kontrolle und Sittenzucht. Mit dem Prozess der verwandte Themen Konfessionalisierung drangen die Landesherrschaft oder kirchliche Institutionen stärker in den ländlichen Bereich vor und versuchten das ländliche Leben zu normieren. Der Einfluss des Landesherren auf die Kirchengemeinde hing sowohl von der Ausbildung des Kirchenregiments wie auch der Konfession ab. So unterstanden im Reich die lutherischen (z.B. Sachsen, Württemberg) wie die reformierten Gemeinden (z.B. Kurpfalz) und ihre Institutionen dem Landesherren, in katholischen Territorien traf dies vor allem in den geistlichen Fürstentümern zu (z.B. Kurköln, Würzburg), in den weltlichen traten die kirchlichen Institutionen eher in Konkurrenz zu landesherrlichen Ansprüchen (z.B. Bayern).

Diese Kontrolle (z.B. durch Visitationen oder Ehegerichte) bezog sich nicht nur auf kirchliche Angelegenheiten sondern allgemein auf sittliches Betragen, die Reduzierung von Luxus, übermäßigem Feiern, Tanzen etc., beinhaltete aber auch eine Diskriminierung außerehelicher Sexualität. Gerade Letzteres war ein Punkt, wo gemeindliches und obrigkeitliches Normenverständnis oft auseinander klafften (vgl. Literatur Gleixner, Mensch).

Durch diesen Prozess veränderte sich auch die Rolle der Geistlichen in den Gemeinden, ihre Kontrollkompetenz wurde verstärkt: Sie waren nun nicht nur die Vermittler zwischen Kirche und Welt sondern auch die Mediatoren des religiösen und sozialen Wandels (Literatur Burnett, Pastors).

Die obrigkeitliche Kontrolle nahm regional, aber auch konfessionell verschiedene Formen an: 

Katholisches Kirchentum

Für die katholische Kirche hat die Widerbelebung des Sends als pfarrgemeindliches Sittengericht eine besondere Bedeutung. Generell war die katholische Kirchenzucht mit ihrem Instrument der Ohrenbeichte eher eine individuelle Disziplinierung und weniger eine verwandte Themen Sozialdisziplinierung.

Reformiertes Kirchentum

Die reformierte Kirchenzucht regulierte den alltäglichen Lebensvollzug besonders stark (Literatur Schlögl, Bedingungen). In Regionen, in denen die reformierte Kirche gemeindlich organisiert war, entsprach die Kirchenzucht einer Selbstregulierung (Literatur Schmidt, Sozialdisziplinierung). Dies konnte aber auch eine besonders starke soziale Kontrolle bedeuten. Sozialgemeinschaft und Abendmahlsgemeinschaft waren aufeinander bezogen, die Reinheit der Abendmahlsgemeinschaft ein Anliegen aller Gemeindemitglieder.

Lutherisches Kirchentum

Auch in der lutherischen Kirche gab es einen gemeindlichen Anteil an der Kirchenzucht, doch dieser kann kaum der Rang einer dörflichen Autonomie zugesprochen werden, da die Bannpraxis in Händen des Konsistoriums lag. Die Sittenzucht war zu einer staatlichen Angelegenheit geworden und wurde teils auch von weltlichen Niedergerichten übernommen. Dahinter stand die Idee, dass die Verfolgung von Sünden ein göttlicher Auftrag an die Obrigkeit war. Falls dies nicht gelang, hätte Gott das ganze Land mit seinem Zorn strafen können. (vgl. Literatur Westphal, Kirchenzucht, Literatur Schmidt, Konfessionalisierung, 16, 19, 20).

Aber auch wenn die Kirchenzucht in den meisten Gemeinden gleich welcher Konfession durch die Obrigkeit ausgeübt wurde, wurde sie schnell von den Gemeindemitgliedern als Medium innerdörflicher Konfliktaustragung instrumentalisiert (vgl. Literatur Schlögl, Bedingungen, 252).

 

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