Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
impressum :: feedback :: kontakt ::  
 
 LINKWEG ::: Inhalt / Ländliche Gesellschaft / Bedingungen, Techniken, Produkte /
zurück   3.1.2. Forschungskonzept „Das Ganze Haus“
3.2.2. Arbeitsorganisation  vor


Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft

3.2. Wirtschaftsweise

3.2.1. BEDINGUNGEN, TECHNIKEN UND PRODUKTE DER LANDWIRTSCHAFT

von Eva-Maria Lerche

Die Landwirtschaft in der FNZ war weit mehr als heute von der Natur abhängig und unterlag weit stärker dem Einfluss von Klima und Witterungsschwankungen. Die Bodenqualität ließ sich aufgrund mangelhafter Möglichkeiten der Düngung, Bewässerung und Unkrautbekämpfung nur eingeschränkt beeinflussen, die einfachen Geräte erforderten einen hohen Arbeitsaufwand. Noch 1850 wurden für einen Hektar Getreideland mit Mähen, Dreschen und Ablagern 240 Arbeitsstunden benötigt, heute sind es nur noch elf Stunden (Literatur Siuts, Geräteforschung, 150). 

Unterscheiden lassen sich verschiedene Gebiete, in denen der Schwerpunkt der Landwirtschaft auf dem Getreideanbau oder der Viehzucht (z.B. Almen) lag. Hinzu kommen Gebiete, in denen Sonderkulturen wie der Weinanbau dominierten.

Im 16. Jh. wurde in vielen Regionen in Folge des Bevölkerungswachstums und steigender Getreidepreise der Kornanbau ausgedehnt. Dies erfolgte durch Wiedernutzung der im Spätmittelalter wüst gewordenen Ackerflächen, verstärkte Nutzung von Gärten, Urbarmachen von Wald- und Moorflächen und Versuche, dem Meer Land abzugewinnen. Da die Weideflächen nicht ausgedehnt wurden, ging in den Getreidegebieten die Viehhaltung zurück, wodurch der ohnehin existierende Düngemangel verschärft wurde. 

In der FNZ wurden verschiedene Versuche unternommen, die Landwirtschaft zu intensivieren. Auf theoretischer Ebene rezipierten Humanisten die antiken Agrarschriftsteller, allerdings ohne Nutzen für die Praxis; seit dem 16. Jh. sind so genannte Wirtschaftsbücher und verschiedene Schriften mit praktischen Anleitungen nachgewiesen. Hierbei sind auch Bemühungen v.a. im 18. Jh. zu nennen, den Viehbestand zu erhöhen (z.B. durch Kleeanbau). 

 

nach unten 3.2.1.1. Pflanzenproduktion
nach unten 3.2.1.2. Viehhaltung
nach unten 3.2.1.3. Geräte

 

  3.2.1.1. Pflanzenproduktion  
zum Seitenanfang
 

Weit verbreitet war die Drei-Felder-Wirtschaft (im Wechsel: Wintergetreide Roggen/Weizen; Sommergetreide Gerste/Hafer; Brache), daneben existierte aber eine Vielzahl anderer Fruchtfolgesysteme. Bei sandigen Böden folgte oft schon nach einem Jahr die Brache, bei guten Böden war eine Vier- bis Fünf-Felder-Wirtschaft möglich. Bei der Koppelwirtschaft in feuchten Küstenregionen wie Mecklenburg und Schleswig-Holstein wurde das Land im Wechsel vier Jahre lang als Getreideacker bzw. Viehweide genutzt. Diese in der zweiten Hälfte des 18. Jh. aufkommende Wirtschaftsform war aber erst nach Aufhebung des verwandte Themen Flurzwangs möglich. 

Bildquelle Karte: Bodennutzungssysteme in Deutschland im 18. Jh.

Auf den Getreidefeldern wurden Gerste, Hafer, Weizen, Hirse, Mais, Buchweizen und v.a. Roggen angebaut. Dabei schwankten die Erträge erheblich, stiegen aber im Laufe der FNZ an.

Diagramm Diagramm: Ernteerträge pro ausgesätem Korn

Eine Intensivierung der Landwirtschaft erfolgte durch die Verbesserung der Fruchtfolge und die Bebauung der Brachflächen (Besömmerung) mit Leguminosen (Erbsen, Bohnen, Wicken), Rüben und Kohl. 

Diagramm Diagramm: Verteilung von Früchten und Brache auf die Anbaufläche

Diese führten dem Boden wichtige Nährstoffe (Phosphat, Kali, Stickstoff) zu und erhöhten damit den Ertrag der folgenden Getreideernte. In den Gärten wurden Kohl, Spinat, Salate, Möhren, Rüben, Bohnen, Erbsen und Linsen angebaut. Im 18. Jh. setzte sich die Kartoffel durch und entschärfte die Ernährungssituation.
Zu den Produkten der Selbstversorgung kamen in der FNZ v.a. in Gebieten mit günstiger Verkehrsanbindung zunehmend Handelspflanzen wie Flachs, Hanf, Raps (Öl), Hopfen und Färbepflanzen (Krapp, Waid, Wau). Diese wurden z.B. in Thüringen von Kleinstellenbesitzern angebaut. In klimagünstigen Lagen am Oberrhein und in Württemberg expandierte im 16. Jh. der Weinanbau. Eine intensive, auf den Markt ausgerichtete Gartenbewirtschaftung konnte in der Nähe von städtischen Absatzmärkten entstehen, z.B. im Breisgau.

  3.2.1.2. Viehhaltung  
zum Seitenanfang
 

Die Viehhaltung war für die bäuerliche Produktion unentbehrlich, zugleich aber ein hoher Kostenfaktor. Die durch den hohen Futterverbrauch teuren Pferde wurden v.a. gehalten, wenn Gespanndienste für den Grundherren geleistet werden mussten. Fehlte dieser Zwang, wurden häufig Rinder als Zugtiere eingesetzt. Neben der Funktion als Zugtiere lieferten die Rinder Mist – eine der wenigen Düngemöglichkeiten – und Milch. Für die Fleisch- und Eierproduktion wurde Federvieh gehalten, hinzu kamen Schweine, Ziegen und u.U. Bienenstöcke, die Wachs und Honig einbrachten. 

diagramm Diagramm: Zugtierbestand im 18. Jh.

Die Verbesserung der Viehzucht, v.a. der Rinderzucht, scheiterte in der FNZ an Futtermangel. Im Sommer fehlten ausreichende Weidemöglichkeiten, im Winter stand oft nur Strohhäcksel für die Stallfütterung zur Verfügung. In der Folge waren die Rinderherden extrem anfällig für Seuchen. Erst im 18. Jh. erfolgte ein verstärkter Futteranbau v.a. von Klee, der die Viehhaltung voranbrachte und damit auch eine bessere Düngung ermöglichte. 

  3.2.1.3. Geräte  
zum Seitenanfang
 

Die wichtigsten Ackergeräte waren der Pflug, der Haken, die Egge und die Walze; geerntet wurde mit der Sichel, Sichte oder Sense. Hinzu kamen Mistgabeln, Rechen, Spaten, Schaufeln, Hacken etc. Während mit dem Glossar Haken der Boden nur aufgerissen wurde, konnte mit dem Glossar Beetpflug die Scholle auch gewendet werden. Eine Innovation, die auf das 15. Jh. datiert wird, stellt die Erfindung des Glossar Kehrpfluges dar, der die Vorteile von Beetpflug und Haken (das Wenden des Bodens und das Pflügen in beide Richtungen) vereinte. Der Haken wurde in der Regel von Ochsen, der Pflug von Pferden gezogen. Nach dem Pflügen wurde der Acker mit der Egge bearbeitet, um den Boden zu glätten und aufzulockern. Nach der Glossar Aussaat, die breitwürfig von Hand erfolgte, wurden mit Hilfe der Egge die Körner mit Erde bedeckt. Die hölzernen Eggen wurden seit dem 16. Jh. teilweise mit Eisenzinken ausgestattet, die hohen Eisenpreise verhinderten aber eine rasche Ausbreitung dieser Innovation. Erste Hinweise auf die Verwendung von Ackerwalzen bei größeren bäuerlichen Betrieben finden sich in der Mitte des 15. Jh. Sie dienten dem Zerkleinern der Schollen und der Bodenverdichtung, um ein schnelles Austrocknen zu verhindern. Bei kleineren Betrieben wurde hierfür aber weiterhin ein Schollenhammer verwendet.

Die Ernte des Getreides erfolgte mit der Glossar Sichel, Glossar Sichte oder Glossar Sense. Die Sensenmahd setzte sich v.a. in Nord- und Ostdeutschland durch, während im Süden oft noch bis zum Ende des 19. Jh. der Sichelschnitt üblich war. Als Grund für die Ausbreitung der Sense nennt Wiegelmann (Literatur Wiegelmann, Arbeitsteilung) den großflächigen Getreideanbau der ostdeutschen Gutswirtschaften aufgrund lohnender Handelsmöglichkeiten, der eine Intensivierung und damit auch Modernisierung der Landwirtschaft erforderte. 

Das Dreschen des Getreides erfolgte im Herbst und Winter mit dem Dreschflegel, danach mussten noch Unkrautsamen und verdorbene Körner von Hand ausgelesen werden, da Verunreinigungen v.a. durch Mutterkorn immer wieder zu (tödlichen) Krankheiten führten.

 

zurück   3.1. Forschungskonzepte
3.2.2. Arbeitsorganisation  vor
 
zum Seitenanfang
             © 2003 by Barbara Stollberg-Rilinger • mail:  fnz.online@uni-muenster.de