Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.6. Bäuerlicher Widerstand gegenüber der Herrschaft

3.6.6. LANDGEMEINDE ALS BASIS FÜR WIDERSTAND

von Reemda Tieben

Die Landgemeinde war neben dem bäuerlichen Besitzrecht und der Entwicklungsstufe der staatlichen Herrschaft ein entscheidendes Kriterium für die Erfolgschancen bäuerlichen Widerstands gegen die verwandte Themen Grund-, Guts- und Territorialherrschaft (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 113; Literatur Holenstein, Bauern, 78).

Im Rahmen der Gemeinde spielten sich zuallererst die Geschehnisse ab, die zum Eintritt und zur Manifestation eines Widerstandes führten (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 115). Über ihre Bedeutung als kleinste Einheit des Widerstandes war die Gemeinde außerdem entscheidend, wenn sich der Widerstand über ein größeres Gebiet wie auf der Ebene eines Gerichts, eines Amts oder gar einer kleineren Herrschaft erstreckte. Für die Willensbildung unentbehrlich stellten die Gemeinden die gewählten Vertreter in den bäuerlichen Ausschüssen, die für eine Bewegung in einer größeren Einheit zuständig waren. Diese Vertreter blieben ihren Wählern, der Gemeinde, auch rechenschaftspflichtig. 

Ein besonderes Problem im Widerstand stellte sich mit der Notwendigkeit, in der Auseinandersetzung mit Obrigkeit oder Verwandte Themen Reichsgerichten eine möglichst einheitliche Position der Gemeinde nach außen vertreten zu müssen. Hatte sich eine Mehrheit für den Widerstand gefunden, so musste es dieser sehr daran gelegen sein, im Namen der Gesamtgemeinde zu sprechen, um so eine größere Legitimationsbasis zu erhalten. Um die Einstimmigkeit des Widerstandes zu erreichen, griffen die Widerständigen auf das übliche Mittel zurück, diejenigen, die sich nicht dem Widerstand anschlossen, aus der Nutzungsgemeinschaft der Gemeinde auszuschließen, d.h. ihnen die gemeinsam genutzten Güter, Werkzeuge und Ländereien zu verbieten. So wurde die Gemeinde als Wirtschaftseinheit zum Garanten einer einheitlichen Bewegung (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 117). 

Aber auch der Gemeinde als Ritualgemeinschaft kam eine besondere Rolle im Widerstand zu: Offensichtlich bedurfte der offene Widerstand in den Gemeinden einer Absicherung, die über die einfache Zustimmung der Gemeindemitglieder hinausging. Um den Zusammenhalt zu beschwören, wurden verschiedene rituelle Handlungen unter den Bauern durchgeführt. Z.B. beschworen die Bauern von Kemnitz in der Oberlausitz im Jahre 1592 ihre Einheit, indem sie alle durch einen - die Einheit symbolisierenden - Reifen hindurchkrochen und dabei zwei Finger zum Gelübde hochstreckten (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 118).

Diese rituellen Handlungen und das Anbinden der Minderheit an die Mehrheit durch wirtschaftliche Sanktionen zeigt, dass man die innere Organisation und Willensbildung der aufständischen Gemeinden als eine intensivere Stufe des normalen Zusammengehörigkeitsgefühls bewerten kann, das durch den Druck von außen verstärkt wurde (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 119).

Da die Gemeinde als zentrale Organisationseinheit und Trägerin des bäuerlichen Widerstandes in der Gemeindeforschung gilt, wurde zum Teil vermutet, dass in Gebieten mit entwickelter Gemeindeautonomie (Südwestdeutschland, Franken, Alpenraum, Ostfriesland, Dithmarschen) sich gewaltsame Widerstände der Bauern häuften (Literatur Holenstein, Bauern, 110; Literatur Blickle, Unruhen, 20).

Eine zu starke Betonung des Gemeindecharakters jeder bäuerlichen Bewegung würde jedoch ein zu zersplittertes Bild des Widerstandes ergeben und würde einer Deutung von bäuerlichem Widerstand als „Lokalborniertheit“ Vorschub leisten, denn Zusammenschlüsse mehrerer Gemeinden mit ähnlichen Zielen würden so nicht mehr beachtet werden. Betrachtet man z.B. die Konflikte, die seit dem späten 16. Jh. und vermehrt in vielen Prozessen im 18. Jh. an die Reichsgerichte gingen, so sind hier im Allgemeinen größere Einheiten als Grundlagen der Bewegungen auszumachen (Literatur Schulze, Bäuerlicher Widerstand, 116).

 

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