Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft

3.2. Wirtschaftsweise

3.2.2. ARBEITSORGANISATION IN DER BÄUERLICHEN HAUS- UND FAMILIENWIRTSCHAFT

von Eva-Maria Lerche

Die Arbeitsorganisation in der bäuerlichen Wirtschaft der FNZ lässt sich nicht unabhängig von den sozialen und politischen Gegebenheiten betrachten. Der bäuerliche Betrieb war eingebunden in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Grund- und Landesherrn (verwandte Themen Agrarverfassungen) und in die Regeln der Dorfgemeinde, die z.B. den Arbeitsablauf bei der Bestellung der Dorfflur kollektiv bestimmte. Die Arbeitswelt und das soziale Leben bildeten eine Einheit, die sich nicht trennen lässt, sowohl in Bezug auf das dörfliche Leben als auch in Bezug auf das Zusammenleben und Wirtschaften innerhalb eines Haushaltes.

Kennzeichnend für die Organisation der bäuerlichen Tätigkeiten war die im Gegensatz zu heute fehlende Trennung von Produktion, Reproduktion und Konsumtion. Otto Brunner hat hierfür in den 1950er Jahren den auf Wilhelm Heinrich Riehl zurückgehenden Begriff des „ganzen Hauses“ aufgegriffen und als eine Theorie der „Alteuropäischen Ökonomik“ dargelegt (zu Konzept und Kritik vgl. verwandte Themen Forschungskonzept „Ganzes Haus“). Dabei bedeutet der Begriff „ganzes Haus“ nicht nur die Einheit von Produktion und Reproduktion, sondern auch das Zusammenleben der Kernfamilie (Besitzerpaar und Kinder) mit Knechten, Mägden und unverheirateten, auf dem Hof arbeitenden Verwandten in einem Haushalt. Die Mägde unterstanden der Hausmutter, die Knechte dem Hausvater; das Gesinde war aber zugleich in die dörflichen Sozialstrukturen eingebunden (Glossar Spinnstuben, Bruderschaften).

Während Brunner in den vormodernen Haushalten eine uneingeschränkte Herrschaft des Hausvaters sah, hat die Geschlechterforschung herausgearbeitet, dass die bäuerliche Wirtschaft von dem Besitzerehepaar als „Arbeitspaar“ (Heide Wunder) geführt wurde. D.h. auch die Hausmutter hatte eine existenzielle Rolle und damit Gestaltungsmacht im „ganzen Haus“. Sichtbar wird die fehlende Trennung der einzelnen Tätigkeiten durch die frühneuzeitlichen Haus- und Wohnstrukturen; die wenig differenzierten Räume wurden multifunktional genutzt. In den niederdeutschen Hallenhäusern z.B. wurde ein Großteil der häuslichen Arbeiten auf dem Flett (Wohnbereich der Diele) durchgeführt, auf dem sich auch die Kochstelle als zentraler Ort des Hauses befand.

Grafik: Niederdeutsches Hallenhaus

Grafik: Niederdeutsches Hallenhaus

 

nach unten 3.2.2.1. Arbeiten auf dem Hof
nach unten 3.2.2.2. Feldarbeiten

 

  3.2.2.1. Arbeiten auf dem Hof  
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Auf dem Hof mit der dazugehörenden Hofstatt und dem Garten gab es eine Vielzahl von Arbeiten zu verrichten. Zu nennen sind z.B. die Bearbeitung des Gemüsegartens und die Pflege des Viehs (Federvieh, Rinder, Schweine, evtl. auch Bienenstöcke für Honig und Wachs). Außer täglichem Kochen und Reinigungsarbeiten stand die Verarbeitung von Feld- und Gartenfrüchten, Milch und Fleisch auf dem Programm. Zu der Lebensmittelwirtschaft kam v.a. in den arbeitsarmen Wintermonaten die Herstellung von Stoffen und Kleidung wie Spinnen, Flachshecheln, Weben, Schuhflicken. Dies erfolgte für den Eigenbedarf, aber in den klein- und unterbäuerlichen Schichten zunehmend auch als zusätzliche Einnahmequelle. Außerdem wurden landwirtschaftliche Geräte hergestellt und repariert. Reparaturen und Anbauten am Haus wurden selbst durchgeführt, bei größeren Bauten wurden Landhandwerker hinzugezogen. Nach der Ernte beschäftigte das Dreschen des Korns bis weit in die Wintermonate hinein die Hausbewohner.

  3.2.2.2. Feldarbeiten  
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Die Dorfgemeinschaft bestimmte über die Nutzung der Dorfflur und der Glossar Allmende, die „allen gemeinsam“ gehörte. Für das gemeinsame Hüten der Tiere auf den Weiden wurde ein Dorfhirte bezahlt. Die Bestellung des Feldes führte jeder Bauer selbst durch, musste sich aber, da die Felder in der Gemengelage lagen, an gemeinsame Termine des Pflügens, der Aussaat und der Ernte halten und Überfahrrechte gewähren. Die schwere Pflugarbeit galt grundsätzlich als Männerarbeit und wurde vom Bauern oder seinem Großknecht durchgeführt. Hilfsarbeiten wie das Führen der Zugtiere (bei Viereranspannung) oder das Hüten der Tiere (bei zwei Gespannen, die im Wechsel eingesetzt wurden) fielen Jungen, aber auch Frauen zu. Angehörige unterbäuerlicher Schichten, die zwar über ein Stück Land, aber weder über Zugtiere noch einen Pflug verfügten, konnten den Acker gegen ein Pfluggeld (auch in Form von Arbeitsleistung) von den Bauern beackern lassen. Während der Erntezeit mussten alle Haushaltsmitglieder mitarbeiten, bei Bedarf und finanziellen Möglichkeiten auch weitere TagelöhnerInnen. Bei der Ernte setzte sich – abhängig von der Technik – eine verwandte Themen geschlechtsspezifische Arbeitsteilung durch.

 

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