Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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1.3.2. Obrigkeitliche Norm - alltägliche Praxis  vor


Soziale Ordnung
1. Haus, Familie, Ehe, Geschlechter
1.3. Ehe und Sexualität

1.3.1. DER ZUSAMMENHANG VON EHE UND SEXUALITÄT

von Christina Rolf

Die Institution Ehe war sowohl im Mittelalter als auch in der Frühen Neuzeit unmittelbar an die Sexualität geknüpft: Erst der Vollzug des Geschlechtsverkehrs zwischen den Partnern verwandelte das Eheversprechen in eine rechtsgültige Ehe; die praktizierte Sexualität machte eine Ehe also überhaupt erst zu einer Ehe.

 

nach unten 1.3.1.1. Die hochmittelalterliche Sexualmoral
nach unten 1.3.1.2. Normenwandel nach 1500

 

  1.3.1.1. Die hochmittelalterliche Sexualmoral  
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Bereits im Hochmittelalter definierte die zeitgenössische Sexualmoral die nun offiziell zum Sakrament erklärte Ehe ausschließlich über die Fortpflanzung, die Zeugung und Aufzucht von Nachkommen, zu der sich die Ehepartner wechselseitig verpflichteten. Innerehelicher Geschlechtsverkehr bezog seine Legitimation also allein aus dem biblischen Auftrag „Seid fruchtbar und mehret euch“ (Gen. 1, 28).

Praktiken, die ausschließlich der Bedürfnisbefriedigung dienten und die Fortpflanzung be- oder verhinderten – also prinzipiell alle Abweichungen von der als einzig richtig, fruchtbar und natürlich angesehenen Missionarsstellung – galten demnach als ebenso sündhaft wie außerehelicher Geschlechtsverkehr. Jedoch stellte dieses Werte- und Normensystem ein Ideal dar, von dessen strikter Befolgung niemand ernsthaft ausging: Vielmehr rechnete die Kirche fest mit der Sündhaftigkeit der Menschen und stellte vielfältige Möglichkeiten zur Buße und zur Erlangung von Wiedergutmachung und/oder Glossar zum Kapitel Reformation Dispensen bereit. Heimliche Verlöbnisse (Matrimonia clandestina) oder so genannte ‚Winkelehen’, die ebenfalls heimlich geschlossen und lediglich durch das wechselseitige Versprechen der Partner, den Austausch eines Pfandes (z.B. eines Rings) und den Geschlechtsakt vollzogen wurden, konnten zwar von der Kirche nicht kontrolliert werden, waren aber dennoch rechtsgültig. Allerdings zeitigten sie auch etliche Streitfälle und Rechtsunsicherheiten: etwa bei Bruch des Eheversprechens, bei Unklarheiten über eine eheliche bzw. uneheliche Geburt und daraus resultierenden konkurrierenden Erbansprüche etc.

  1.3.1.2. Normenwandel nach 1500  
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Ab 1500 etwa sahen sich sowohl weltliche als auch geistliche Obrigkeiten (zunächst nur die protestantischen, später auch die der alten, katholischen Kirche) verstärkt mit der Notwendigkeit einer Neubewertung und stärkeren Normierung der Ehe konfrontiert. Durch entsprechende Erlasse und Anordnungen im Zuge von Verwandte Themen Reformation bzw. Verwandte Themen Konfessionalisierung wurde die Ehe als Schwelle für die Ausübung legitimer Sexualität etabliert. Dieser Normenwandel wirkte sich nicht nur auf das Eherecht, sondern auch auf das Eheverständnis und das Geschlechterverhältnis aus. Die Ehe verlor im protestantischen Verständnis zwar ihren Sakramentscharakter (den sie in der katholischen Kirche behielt), erfuhr hier aber insgesamt eine Höherbewertung als „erster Ordnung Gottes“. Luther erkannte den Geschlechtstrieb des Menschen als etwas Natürliches an, den lediglich Impotente, Kastraten oder die wenigen begnadeten Asketen nicht verspüren konnten. Die Ehe sollte auf der wechselseitigen Treue der Ehepartner basieren, welche sich weiterhin der Fortpflanzung und Aufzucht von Nachkommen verpflichteten. Die allgemein zu verzeichnende Aufwertung der Ehe darf also nicht vorschnell mit einer Individualisierung der Sexualität oder einer größeren sexuellen Selbstbestimmung verwechselt werden.

Die rechtliche Zuständigkeit für die Institution Ehe fiel sowohl an die weltlichen als auch an die kirchlichen Behörden, die ihren Einfluss und ihre Kontrolle durch zahlreiche Ehe- und Kirchenordnungen verschärften. Verlöbnis und tatsächliche Eheschließung werden nun strikt voneinander getrennt. Der Ehekonsens wird im Rahmen einer öffentlichen kirchlichen Trauung, die seit dem 17. Jh. die Rechtsgültigkeit einer Ehe konstituiert und der die Bestellung eines Aufgebots vorangehen muss, durch den Pfarrer erteilt. Die Ehe kann bei Ehebruch geschieden werden, der oder die Unschuldige darf sich wieder verheiraten. 

Zwar behielt die Ehe im katholischen Kirchenrecht ihren Status als Sakrament, aber auch hier wird die öffentliche kirchliche Trauung durch den Pfarrer und vor Zeugen verpflichtend. 

Der Vollzug der Ehe durch den Geschlechtsakt erfolgt erst nach dem offiziellen kirchlichen Ritus. 

Um die ökonomische Ordnung und die gerechte Erhaltung und Verteilung der Ressourcen zu gewährleisten, waren weltliche und geistliche Gewalt darum bemüht, strengere sexuelle, familiale und eheliche Verhaltensnormen durchzusetzen; deren gemeinsamer Grundbestand wurde in Form von Predigten, Traktaten, Ehespiegeln, der Hausväterliteratur etc. publiziert.

Damit wurde die „Eheschließung [...] endgültig der kirchlichen Kontrolle unterworfen, das Monopol der Ehe als alleiniger Ort legitimer Sexualität gefestigt“; die öffentliche kirchliche Trauung vor Zeugen, die Einsegnung durch den Priester/Pfarrer „markierte die entscheidende Grenze zwischen ‚legitim’ und ‚illegitim’ und wandte sich gegen eine populäre Tradition, die mehr Gewicht auf die Verlobung legte, als auf die Zeugenschaft und den Segen des Geistlichen.“ (Literatur Beck, Illegitimität, 125).

Diverse obrigkeitliche Erlasse und Mandate verzeichneten regelrechte Bußkataloge, in denen peinlich genau die Strafbestimmungen für Vergehen wie ‚Leichtfertigkeit’ (d.h. Geschlechtsverkehr unter Ledigen) etc. festgehalten wurden.

Quelle: „Straff der Leichtfertigkeit“, 1727

 

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