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Strukturen von Recht und Herrschaft

6.Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre
6.3 Zentrale Herausforderungen an die Politische Theorie der FNZ

6.3.3 DIE WISSENSCHAFTLICHE REVOLUTION

von Tim Neu
 

Nachdem in den beiden ersten Teilabschnitten herausgearbeitet wurde, daß sowohl strukturelle Veränderungen im Handlungsraum des Politischen selbst (verwandte Themen 6.3.1 Das Wachstum der Staatsgewalt) als auch die Konsequenzen des grundlegenden religiösen Wandels (verwandte Themen 6.3.2 Der Verlust der religiösen Einheit) zu ihrer intellektuellen Bewältigung erhebliche Anstrengungen von Seiten der politischen Denker erforderten, muß noch auf die Herausforderung aufmerksam gemacht werden, die die sog. verwandte Themen ‘Wissenschaftliche Revolution’ für die Politische Theorie darstellte.

Die hier relevanten Unterschiede zwischen ‘alter’ und ‘neuer’ Wissenschaft können holzschnittartig an vier Elementen skizziert werden: Erklärungsmuster, Orientierung, Hauptmetapher und Methode:

  ‘alte’ Wissenschaft ‘neue’ Wissenschaft
Erklärungsmuster: Teleologisch Kausal
Orientierung: Autorität von Texten Unmittelbare Erfahrung
Hauptmetapher: Organismus Maschine
Methode: Deduktiv Induktiv

Die ‘alte’ Wissenschaft, die sich wesentlich auf die Werke des Aristoteles stützte, erklärte Naturphänomene im Wesentlichen teleologisch. Das griechische Wort ‘telos’ bedeutet Ziel oder Zweck, daher spricht man in diesem Zusammenhang auch von Zweckursachen. Eine solche Erklärung schreibt allen natürlichen Dingen ein in ihnen liegendes Potential zu, auf dessen Entfaltung sie normalerweise hinstreben, so züngeln die Flammen eines Feuers deshalb nach oben, weil die Aufwärtsbewegung in ihnen potentiell angelegt ist. Daher war die Metapher, analog zu welcher man die Natur verstand, auch der lebende Organismus, der ganz offensichtlich in ihm liegende Potentiale verwirklicht, so wie der Same zum Baum wird. Zugleich stütze sich die Wissenschaft hauptsächlich auf die Autorität von zumeist antiken Texten, aus denen sie die als allgemein und notwendig anerkannten Gesetze übernahm, aus welchen dann die vorfindbaren natürlichen Ereignisse ‘abgeleitet’, eben deduziert, werden konnten.

Die ‘neue’ Wissenschaft brach mit diesen Überzeugungen und behauptete weitgehend das Gegenteil: "Wer die Wahrheit über die natürliche Welt erkennen wolle, dürfe sich nicht auf die Autorität der Bücher verlassen, sondern müsse sich auf den eigenen Verstand und die Gegebenheiten der natürlichen Realität stützen" (Literatur Shapin, Revolution, 83). Es kam zu einer ‘Mechanisierung’ der Natur, die man nun nicht mehr als Organismus, sondern als Maschine imaginierte, und damit zu einer Tilgung aller teleologischen Selbstzwecke der natürlichen Dinge, deren Bewegungen nur noch mechanisch-kausal, also durch Ursache und Wirkung beschrieben wurden. Als am folgenreichsten erwies sich jedoch die Einführung einer neuen Methode! Nach dieser mußte man "von dem akkumulierten - aus Beobachtung und Experiment stammenden - Wissen über Einzelfälle ausgehen und die Erkenntnis der Kausalzusammenhänge und der allgemeinen Gesetzmäßigkeiten darauf aufbauen; das heißt, es handelte sich um eine induktive, auf empirischem Wissen gründende Methode" (Literatur Shapin, Revolution, 108).

Warum aber soll diese - wenn auch ‘revolutionäre - Veränderung der Wissenschaft für das Nachdenken über das Politische von Bedeutung sein? Die Bedeutsamkeit kommt über die in der oben entwickelten Fassung des Begriffs (verwandte Themen Was ist Politische Theorie?) enthaltende methodische Komponente zustande, denn Politische Theorie wurde nicht nur als Nachdenken über Praxis, sondern als methodisch geleitetes Nachdenken bestimmt. Jedem politiktheoretischen Gedankengang liegt daher ein methodisches Fundament zugrunde, auch wenn dies in den meisten Fällen von den Autoren nicht explizit angesprochen oder gar begründet wird. Da nun die Frage der ‘richtigen’ wissenschaftlichen Methode einer der zentralen Streitpunkte zwischen ‘alter’ und ‘neuer’ Wissenschaft war, konnte auch die Politische Theorie einer kritischen Überprüfung ihrer eigenen methodischen Annahmen nicht ausweichen, wollte sie nicht Gefahr laufen, den neuen Standards von ‘Wissenschaftlichkeit’ nicht zu genügen.

Das Verdienst, die vor allem in den ‘Naturwissenschaften’ entwickelten neuen Methoden (Glossar more geometrico) für das Politische Denken nutzbar gemacht zu haben, gebührt dabei dem modernen Naturrecht und vor allem seinem Begründer, Glossar Thomas Hobbes (1588-1679), denn für diesen stand fest, daß die "alten Moralphilosophen […] nicht über die richtige Methode [sc. verfügten], um die erforderlichen Erkenntnisse für die Begründung und Anleitung einer erfolgreichen Friedenspraxis zu gewinnen und sichere Fundamente für das menschliche Zusammenleben bereitzustellen" (Literatur Kersting, Philosophie, 60).

Quelle: Thomas Hobbes Quelle: Thomas Hobbes

 

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