Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
impressum :: feedback :: kontakt ::  
 
 LINKWEG ::: Inhalt / Politische Theorie, Naturrechtslehre / Modernes Naturrecht /
zurück  6.7 Modernes Naturrecht
6.7.2 Was ist modernes Naturrecht?  vor


Strukturen von Recht und Herrschaft

6.Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre
6.7 Modernes Naturrecht

6.7.1 VORGÄNGER UND KONKURRENT: DER SPÄTARISTOTELISMUS

von Tim Neu
 

In den meisten Wissenschaften bildet sich ein Kanon von ‘Klassikern’ heraus, deren Texte dann die Grundlage für Einführungen in die jeweilige Disziplin bilden. Solche Zusammenstellungen sind problematisch, weil sie meist Autoren auswählen, die vom heutigen Stand der Wissenschaft aus als ‘klassisch’ erscheinen. Daß sich deren Status aus Sicht der Zeitgenossen völlig anders darstellen konnte, zeigt die Geschichte der Politischen Theorie. Viele einschlägige Einführungen springen nämlich direkt von Glossar Luther und Glossar Machiavelli (vgl. verwandte Themen 6.4.1 und verwandte Themen 6.6.1) zu Glossar Hobbes, dem Begründer des modernen Naturrechts, was dann den Eindruck erwecken kann, daß es 1.) in der Zwischenzeit keine wirkungsmächtigen Lehren gegeben und 2.) sich das moderne Naturrecht mit Hobbes sofort durchgesetzt hätte. Dies war jedoch nicht der Fall, denn an den im Reich führenden Universitäten "war der Aristotelismus von der Mitte des 16. bis zum letzten Drittel des 17. Jahrhunderts absolut herrschende Lehre" (Literatur Stolleis, Reichspublizistik, 20) in Fragen der politischen Theorie. Und gegen diese Vormachtsstellung konnte sich das moderne Naturrecht erst langsam durchzusetzen, denn seit Glossar Melanchthons (1497-1560) Kommentaren zur aristotelischen Schrift Politik wurde diese - vornehmlich, aber nicht ausschließlich in protestantischen Kreisen - zur Grundlage des politiktheoretischen Nachdenkens und so wurden wichtige Impulse, wie z.B. die verwandte Themen Souveränitätslehre im Rahmen und mit den Mitteln des aristotelischen Ansatzes diskutiert.

Charakteristisch für den (Spät-)Aristotelismus war, daß sein zentrales Interesse "immer der Qualität der politischen, den öffentlichen Raum organisierenden Herrschaftsordnung, nie der Herrschaftslegitimation als solcher" (LiteraturKersting, Philosophie, 4) galt: Herrschaft von Menschen über Menschen erschien als ‘natürliches’, nicht weiter begründungbedürftiges, sondern allenfalls zu verbesserndes Phänomen. Die zweite Grundannahme des politischen Aristotelismus war die Bestimmung des Menschen als Glossaranimal sociale, als eines Wesens, das von seiner Natur her auf das Leben in der menschlichen Gemeinschaft angelegt sei. Neben dem bloßen Über-Leben, das die Gemeinschaftsformen der Familie und des Dorfes ermöglichen, sei dem Menschen ein sittliches Gut-Leben aufgegeben, das er nur in der staatlichen Gemeinschaft als der höchsten Vergemeinschaftungsform verwirklichen könne - ein teleologisches Denken, wie es in der verwandte Themen Wissenschaftlichen Revolution gründlich diskreditiert wurde.

Was bedeutete dies für den Gegenstand der Politischen Theorie, das Gemeinwesen? Dazu muß man beide Grundannahmen zusammendenken und sehen, daß dem Aristoteliker - wie etwa Glossar Christoph Besold (1577-1638) - ‘der Mensch’ als immer schon in konkreten, vorstaatlichen Herrschaftsbeziehungen vergemeinschaftet und nach dem Staat bedürftig erschien: Daraus folgt, daß der Staat selbst ‘natürlich’ ist und keine willkürliche menschliche Einrichtung darstellt. Und daher bilden z. B. bei GlossarAlthusius (1557-1638) auch "die Städte, Provinzen und Landschaften, die sich im Staat geeint haben, nicht die einzelnen Menschen, das Volk des Staates" (LiteraturDenzer, Spätaristotelismus, 245). Das moderne Naturrecht hat dann mit fast allen diesen Überzeugungen gebrochen und daraus erklärt sich auch das ausgeprägte Konkurrenzverhältnis der beiden Ansätze.

Quelle: Aristoteles und Christoph Besold

 

zurück  6.7 Modernes Naturrecht
6.7.2 Was ist modernes Naturrecht?  vor
 
zum Seitenanfang
             © 2003 by Barbara Stollberg-Rilinger • mail:  fnz.online@uni-muenster.de